Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri – Carter Burwell: „Der richtige Tonfall“

Bei den großen Filmpreisen (gerade bei den Oscars) kommt es manchmal vor, dass bedeutende Filmschaffende über Jahrzehnte leer ausgehen, um dann innerhalb kurzer Zeit gleich mehrfach geehrt zu werden. Eine Form von Überkompensation könnte man meinen. Ähnlich erging es Carter Burwell: Nach drei Dekaden hochwertiger Arbeiten hat ihn die Academy erst spät entdeckt. 2016 erhielt er für das Drama Carol seine erste Nominierung. Und zwei Jahre später gleich noch einmal – für Three Billboards Outside of Ebbing, Missouri. Beide Entscheidungen überraschen: Bei Carol durch die unleugbare stilistische Nähe der Musik zu Philip Glass und im Fall von Three Billboards durch den mangelnden Kontrast zu unzähligen vorangegangenen Burwell-Arbeiten. Ein Fehlurteil der Academy, also? Vielleicht nicht ganz. Denn was man bei der Bewertung dieser Nominierungen stets berücksichtigen sollte, ist, dass die Academy of Motion Picture Arts and Sciences weniger kompositorische Qualität beurteilt, sondern würdigt, welche Musik am besten ihrem jeweiligen Film dient. Und sowohl im Fall von Carol als auch bei Three Billboards tragen die Musiken maßgeblich zur filmischen Wirkung bei.

Ein näherer Blick auf Three  Billboards hilft dies zu verstehen: Das eigenwillige Drama wurde vom Iren Martin McDonagh inszeniert, der zuvor schon bei In Bruges und 7 Psychos mit Burwell zusammengearbeitet hatte. Premiere feierte der Film bei den Filmfestspielen von Venedig und löste auf Anhieb viel Jubel bei Kritikern und Publikum aus. Er erhielt den Drehbuchpreis und am Ende der Award Saison obendrein noch 7 Oscar-Nominierungen, von denen er in den Kategorien „Bester Nebendarsteller“ und „Beste Hauptdarstellerin“ zwei gewann. Im Mittelpunkt der Handlung steht die traumatisierte Mildred Hayes (Frances McDormand in einer Karriere-Bestleistung), die in der fiktiven Kleinstadt des Filmtitels lebt. Ihre Tochter wurde vergewaltigt und umgebracht. Zu Beginn der Handlung liegt die Tat allerdings bereits einige Monate zurück. Die Polizei konnte den Fall nicht aufklären und die Stadtbewohner möchten das Ganze am liebsten schnell vergessen. In ihrer Wut mietet Mildred drei verfallene Reklametafeln am Ortseingang, auf denen sie der Polizei – in Person des örtlichen Polizeichefs Willoughby (Woody Harrelson) vorwirft, ihren Job nicht gründlich gemacht zu haben. Willoughby plagen derweil ganz andere Sorgen: Bei ihm wurde Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Und zu allem Überfluss hat einer seiner Polizeibeamten, der emotional labile Dixon (Sam Rockwell), in einem Verhör einen Farbigen misshandelt.

Das klingt nach tieftraurigem Drama. Und tatsächlich schlägt die Musik einen melancholischen Tonfall ein. Gleichzeitig funktioniert der Film aber auch als schwarze Komödie, weil Mildred versucht, ihrer schweren Situation mit bissigem Humor zu begegnen. Manchmal lebt sie ihre Aggressionen aus, und verhält sich dabei durchaus fragwürdig. Das man als Zuschauer dennoch Sympathien für sie empfindet und auch nicht verliert, liegt neben dem einnehmenden Schauspiel von McDormand nicht zuletzt an der Musik, die in ihrer melancholischen Grundierung stets an den großen Verlust erinnert, den Mildred hinnehmen musste. Um diese Wirkung zu erzielen, arbeitet Burwell in gewohnter Weise sehr ökonomisch: Es gibt nur eine überschaubare Anzahl an Musikeinsätzen – die gerade einmal 25 Minuten Originalmusik ausmachen. Dazu verwendet er eine kammermusikalisch-transparente Orchestrierung: Bestimmende Instrumente sind Klavier, Flöte und Gitarren. Gerade letztere passen zum Midwest-Setting und helfen gleichzeitig, der Musik einen fragilen, verletzlichen Charakter zu verleihen. Besonders gut wird die introvertierte Stimmung durch das Stück „The Deer“ vermittelt: Das Hauptthema erklingt hier als flüchtig-vergängliches Flötenmotiv, so fragil und brüchig wie der Seelenzustand der handelnden Figuren.

Nur gelegentlich legt Burwell die Vertonung breiter an. Im martialisch betitelten Eröffnungstrack „Mildred goes to War“ erhält das Hauptthema  durch Gitarrenakkorde, Stabglocken und dem kompletten Streicherapparat eine voranschreitende Dynamik – im scharfen Kontrast zur ruhigen Grundstimmung des Rests – und entfaltet so eine bissig-ironische Wirkung. Es sind diese Momente, in denen die Gleichförmigkeit aufgebrochen wird, die zu den stärksten der Musik gehören. Auf seiner Homepage berichtet Burwell von den Schwierigkeiten, angesichts des eigenwilligen Wechselspiels von düsterem Humor und Tragik den richtigen Tonfall zu treffen. Martin McDonagh hätte ihm daraufhin als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen erklärt, dass es in seinem Film darum ginge, dass eine Frau in den Krieg gegen die Polizei ziehe. Daraus habe er dann den vielleicht etwas übertrieben anmutenden kämpferischen Charakter der Musik abgeleitet.

Die Verarbeitung des thematischen Materials ist dabei nicht übermäßig komplex, da die Kürze der meisten Musikeinsätze wenig Raum für geschickte Variationen gibt. Burwell belässt es meist bei subtilen Veränderungen in der Instrumentierung. Stilistisch ist das wie oben angedeutet nicht untypisch für den New Yorker Komponisten und wirkt deshalb mehr grundsolide denn besonders herausragend. Und trotzdem: Verbunden mit dem eindringlichen Spiel von Frances McDormand gelingt doch etwas Besonderes: die musikalisch präzise unterstützte Charakterstudie einer Frau im Ausnahmezustand. Dass der Film die schwierige emotionale Balance zwischen Trauer und bissigem Zynismus mühelos hält, verdankt er zu einem großen Anteil dem Beitrag Carter Burwells. Selbst wenn die Musik nicht aus anderen Werken Burwells herausstechen mag, verdient die pointierte Psychologisierung durchaus Beachtung. Der Academy-Jury war das sogar eine Oscar-Nominierung wert. Darüber kann man streiten. Dennoch ist die Ehrung keinesfalls unverdient und sicher auch nicht mehr ganz so überraschend, wie im ersten Moment gedacht.

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