The Rings of Power – Bear McCreary: „Eine Serie, sie zu binden“

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Das hatte sich Amazon sicher ganz anders vorgestellt: Die neue Herr der Ringe-Serie Die Ringe der Macht sollte als großes Prestige-Projekt mit seinen Superlativen begeistern und so zahlreiche neue Abo-Kunden für Amazon Prime gewinnen. Doch bereits mit der Veröffentlichung des ersten Trailers im Frühjahr 2022 ging der Schuss nach hinten los. Viele Fans zerrissen den künstlichen CGI-Look, den sie da sahen. Noch bevor die Serie Ende August startete, wurde sie Opfer eines Review-Bombing bei Filmportalen wie Rotten Tomatoes. Nutzer hinterließen niedrige Bewertungen, ohne auch nur eine einzige Folge gesehen zu haben. Mit der Veröffentlichung der ersten Episoden setzte sich die harsche Kritik fort. Bemängelt wurde neben der Hochglanz-Optik vor allem der fahrlässige Umgang mit Tolkiens Werk, die gestelzten Dialoge und die äußerst triviale Handlung. Und weil Die Ringe der Macht gemäß der selbst auferlegten Inklusionsrichtlinien entstanden ist, wurde auch dieser Umstand zu einem heiß diskutierten Streitthema in den sozialem Netzwerken. Doch wenn über ein Format so viel geredet wird, dann ist das immer gleichbedeutend damit, dass es viele Menschen gesehen haben. Und das gilt zwangsläufig auch für die Die Ringe der Macht: Nach Angaben von Amazon wurde die erste Folge 25 Millionen mal angeklickt, die zweite dann zwar „nur“ noch von 10 Millionen Kunden gesehen. Bei allem schwindenden Interesse: Beeindruckende Zahlen bleiben das trotzdem. Ob die Serie aber langfristig erfolgreich genug sein wird, um den hohen Aufwand zu rechtfertigen, bleibt fraglich, zumal offenbar selbst bei vielen wohlgesinnten Zuschauern inzwischen erhebliche Ernüchterung eingetreten ist.

Obwohl sich die zentralen Kritikpunkte kaum von der Hand weisen lassen, ist ein präziser Blick auf die grundlegenden Probleme der Serie aufschlussreich: Denn Die Ringe der Macht leidet nicht nur an inhärenten filmischen Schwächen, sondern auch am schlechten Timing der Veröffentlichung. Denn so wie der Markt in den vergangenen Jahren mit Fantasy-Serien überschwemmt wurde (The Witcher, Shadows & Bone, Das Rad der Zeit, The Sandman, His dark Materials und parallel The House of Dragons – um nur die prominentesten Beispiele zu nennen), überraschen gewisse Ermüdungserscheinungen beim Publikum kaum. Sich noch einmal auf einen neuen Weltenbau mit unzähligen Charakteren einlassen – dazu sind Zuschauer nur dann bereit, wenn etwas Besonderes geboten wird. Und das ist hier angesichts schlampiger Drehbücher (inklusive zahlloser plot holes) eindeutig nicht der Fall. Dass Amazons Version von Mittelerde nicht zum Leben erwacht, liegt auch daran, dass die Autoren trotz epischer Lauflänge völlig vergessen, die Bewohner zumindest beiläufig in ihrem Alltag zu zeigen. Schlafen, kochen, sich lieben, Kinder beim Spielen zeigen – dafür gibt es in dieser Hochglanzwelt keinen Platz. Es wirkt so, als würden die Figuren nicht ernsthaft in der Welt leben, in der sie gezeigt werden. Doch da ist noch ein größeres Problem, welches mit dem Timing des Erscheinens zu tun hat: Das naive Eskapismus-Angebot von Die Ringe der Macht offenbart mit seiner gülden-kitschigen Künstlichkeit und maßlosen Gigantomanie ein zynisches kommerzielles Kalkül, welches angesichts Pandemie, Ukraine-Krieg und nicht mehr zu leugnender Klimakrise geradezu wie ein blanker Hohn wirkt. Kein Wunder also, dass viele Menschen in ihren Reaktionen auf youTube, Twitter & Co. überschäumten, weil Amazon sein großspuriges Marketing-Versprechen nicht einlösen konnte.

Viel Liebe gab es in der Sammler-Szene und darüber hinaus dagegen für die Filmmusik: Während das Vorspann-Thema noch von Howard Shore stammt – vermutlich um eine Verbindung zu den Kinofilmen von Peter Jackson herzustellen – war Bear McCreary (Battlestar Galactica) für die eigentliche Komposition zuständig. Und da es auf einen Dollar mehr oder weniger offenbar nicht ankam, wurde auf der Tonspur so richtig geklotzt. Ein 100köpfiges Orchester und mehrere Chöre (die wie bei Shore in den Sprachen der einzelnen Völker singen) kommen neben verschiedenen Solisten in der ersten Staffel zum Einsatz. Wenn man dann noch bedenkt, dass es in der gesamten Staffel kaum eine Szene ohne Musik gibt – ein echtes „Wall-to-Wall“-Scoring mit rund 8 Stunden Musik – dann ahnt man, welche gigantischen Dimensionen die Filmmusik-Produktion von Die Ringe der Macht einnimmt. McCreary hat auf seinem privaten Blog ausführlich über die Arbeit an der Komposition berichtet. Dabei merkt man ihm an, welches Herzblut in das Projekt geflossen ist und wie wichtig es ihm war, memorable für zukünftige Staffeln tragfähige Themen zu finden. Nach eigenen Angaben hat er sich genau dafür sehr viel Zeit genommen. Und das hört man der finalen Komposition an. McCrearys Komposition ist nämlich ähnlich wie die von Howard Shore beim „Herr der Ringe“ streng leitmotivisch konzipiert und legt viel Wert darauf, die verschiedenen Völker bzw. Handlungsorte durch unterschiedliche Instrumentierungen zu charakterisieren. So werden die Southlands zum Beispiel durch Nyckelharpa, Hardanger Fiedel und Hackbrett repräsentiert, während in Númenor Duduk, türkische Laute und Rahmentrommeln zu hören sind.

Die 15 wichtigsten Themen für Figuren, Orte und Völker finden sich auf der offiziellen Doppel-CD zur ersten Staffel gleich an an den Anfang gestellt, zum Teil in erweiterten „Konzertfassungen“, die extra für das Album eingespielt wurden. Es sind starke melodische Einfälle, vom elegisch-heroischen Thema für Galadriel über den ohrwurm-verdächtigen Zwerg-Choral, der pastoral-verspielten Folklore für die Harfoots bis hin zum von einem balinesischen Gamelan-Ensemble gespielten Thema für den Riesen, dessen Identität eines der großen Geheimnisse der ersten Staffel bildet. Dazu gesellen sich immer wieder gelungene Schaustücke, wie das luftige „Scherzo für Violin & Swords“, welches das Kampftraining Galadriels in Numenor begleitet oder der packende Ork-Choral in „Nampat“. Ein besonderer Coup gelingt im Finale: Fiona Apple singt den genauso schwermütigen wie packenden Abspann-Song „Where the Shadows lie“, der in seiner Abgründigkeit auch den Jackson-Filmen gut zu Gesicht gestanden hätte. Die Fülle an Ideen und Einfällen, die McCreary hier auffährt, ist bemerkenswert und im Fernsehbereich in dieser Form nahezu beispiellos. Schiebt man die Filmdramaturgie einmal beiseite, ließe sich allein mit diesen Highlights spielend ein äußerst unterhaltsames Album füllen. Und wer davon nicht genug hat, kann via Amazon auch die Musik jeder Serienfolge komplette nachhören (was angesichts von Redundanzen und generisch vertonter Suspense-Passagen ein durchwachsenes Vergnügen ist).

Doch blickt man auf den Musikeinsatz innerhalb der Serie, eröffnet sich ein zwiespältigeres Bild: So bemerkenswert und sympathisch es ist, wie die Musik hier zu einem zentralen gestaltenden Element wird, so sehr übertreibt sie es leider damit. Wie die Bildsprache in jeder Szene das Budget in üppigen Bildern ausstellt und dadurch Handlung und Figuren die Luft zum Atmen nimmt, schießt auch die Musik in ihrer Omnipräsenz weit über das Ziel hinaus. Spannungsaufbau, das Ausloten von Zwischentönen und Abgründen, das Spiel mit Andeutungen, jegliche Subtilität oder gar der Einsatz von Stille – das ist nicht unbedingt McCrearys Stärke. Sobald etwas Action auf der Leinwand zu sehen ist, geht er mit Orchester und Chor sofort in die Vollen, fast immer eng an Vertonungs-Schablonen aus Howard Shores Tolkien-Musiken angelehnt. Aber auch die ruhigen Szenen wirken oft seltsam mit Musik weichgezeichnet, ohne eine überzeugende Sensibilität für den jeweiligen Moment aufzubringen. Beim Sehen hat das eine audiovisuelle Sättigung zur Folge, die den Zuschauer überwältigen soll, mit ihren Oberflächenreizen allein erdrückend wirkt. Auch auf der Doppel-CD macht sich das unangenehm bemerkbar, wenn in mehreren Stücken das finale Crescendo einer Serienfolge sich Schicht für Schicht in eine übertriebene Euphorie hineinsteigert, als wäre die Schlacht gegen Sauron bereits triumphal gewonnen. Doch wenn die Skala der bedeutungsschwangeren Emotionalisierung bereits so früh ausgeschöpft ist, fehlt jeglicher Raum zur Weiterentwicklung. Ein Gefühl der Gleichgültigkeit und des sich Abgestumpft-Fühlens lässt sich schon nach Sehen der ersten acht Folgen kaum leugnen. Wenn Marketing-Hype und Shitstorms verklungen sind, werden sich vor allem künftige Staffeln schwer damit tun, das Interesse beim Publikum aufrecht zu halten. Denn schon in der ersten Staffel hat man das Gefühl, alles gehört und gesehen zu haben. Viel mehr dürfte da nicht kommen.

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