Das Lehrerzimmer – Marvin Miller: „Im Takt der Eskalation“

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Die Schule war im Kleinen schon immer ein Spiegel der Gesellschaft im Großen. Die Konflikte im Klassenzimmer nahmen und nehmen die Konflikte und Machtverhältnisse im Leben vorweg. Hier bilden sich bereits die Alphatiere, die Mitläufer und die Außenseiter heraus – trennen sich die vermeintlich Stärkeren von den Schwächeren. Und genau an diesem Punkt setzt auch İlker Çataks Das Lehrerzimmer an: Das Oscar-nominierte Drama nutzt den Mikrokosmos Schule, um hochaktuelle gesellschaftliche Diskurse durchzuspielen. Dabei geht es nur vordergründig um Systemkritik oder eine Auseinandersetzung mit realer Bildungspolitik. Erzählt wird vielmehr die Geschichte einer Eskalation, wie sie dieser Tage allzu oft auch in der medialen Welt stattfindet: An einem Gymnasium sorgt eine Reihe von Diebstählen für zunehmende Unruhe. Schüler werden verdächtigt, Taschen und Portemonnaies durchsucht. Der idealistischen Lehrerin Carla Nowak (Leonie Benesch) gelingt es mithilfe der Webcam ihres Notebooks, die Schulsekretärin als mutmaßliche Täterin zu entlarven. Von der Schulleiterin mit der Aufzeichnung konfrontiert, bricht diese aber in Tränen aus und streitet die Tat vehement ab. Die Angelegenheit wird nun zum Bumerang: Die Beschuldigte mahnt nämlich ihrerseits das illegale, alle Datenschutzrichtlinien verletzende Filmen im Lehrerzimmer an. Carla gerät zwischen die Fronten: Einige ihrer Kollegen fordern gemäß der vorherrschenden Null-Toleranz-Politik ein hartes Durchgreifen. Oskar, der Sohn der Schulsekretärin, der zufällig in Carlas Klasse geht, leidet zunehmend unter den sich wie ein Lauffeuer verbreitenden Vorwürfen gegenüber seiner Mutter. In der Schülerzeitung erscheint derweil ein prekärer Artikel über falsche Verdächtigungen gegenüber den Schülern und besorgte Eltern beginnen nachzufragen, was da eigentlich an der Schule los ist.

Geradezu genüsslich lässt das Drehbuch die engagierte Pädagogin, die mit viel Idealismus alles richtig machen will, an den eigenen Ansprüchen scheitern. Jede Szene löst sich in einer für sie denkbar unglücklichen Weise auf. So endet eine eigentlich vorbildliche Teambuilding-Maßnahme im Sport-Unterricht damit, dass ihr ein Schüler ins Gesicht schlägt. Ein Elternabend eskaliert mit dem überraschenden Auftauchen der Schulsekretärin und zu allem Überfluss bringt Carla das Interview für die Schülerzeitung in akute Erklärungsnot. Diese Aneinanderreihung von Nackenschlägen wirkt aber nicht nur äußerst zugespitzt, sondern wirkt zudem auch wenig glaubhaft: So wie sich Carla Nowak immer wieder schützend vor die eigene Klasse stellt, erscheint es nur schwer vorstellbar, dass ihre Schüler nicht auf ihrer Seite stehen. Das Drehbuch unterschätzt da die Sensibilität von Kindern (und in Konsequenz auch der Eltern) geradezu sträflich.

Solche Ungenauigkeiten in der Psychologisierung sind ärgerlich, weil es dem Film ansonsten nach allen Regeln der Kunst gelingt, Spannung aufzubauen. Geschickt erzeugen das 4:3-Format und die Reduktion auf nur einen Schauplatz das Gefühl lähmender Beklemmung. Wie die junge Lehrerin hier einem Dauerfeuer psychischer Belastungen ausgesetzt wird, das ihr zunehmend die Luft zum Atmen abschnürt, entwickelt sich dank Leonie Beneschs herausragendem Schauspiel zu einem intensiven, lange nachhallenden Filmerlebnis. Dazu weckt das Drama viel Verständnis für den aufreibenden Alltag von Lehrkräften, in dem es immer weniger Ruhepausen gibt und ständig mehrere Probleme gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen. Das ist aller Ehren wert. Doch um in diesem Maße an der Eskalationsschraube drehen zu können, bemüht die Handlung leider zu viele Zufälle und gekünstelte Drehbuchkniffe. Das führt dazu, dass im Grunde alle pädagogischen Maßnahmen der Pädagogin in die Leere laufen und damit unterschwellig ihr Sinn infrage gestellt wird. Das ist sehr wahrscheinlich unbeabsichtigt, wirkt aber schon beinahe reaktionär.

Das Lehrerzimmer erscheint in seinen Intentionen bisweilen diffus. Çatak hat in Interviews mehrfach darauf hingewiesen, dass es ihm hauptsächlich darum ging, anhand des „Mikrokosmos Schule“ Fragen zum Zustand der Gesellschaft aufzuwerfen, deren Antwort letztlich dem Zuschauer zufalle. Das ist legitim. Aber vielleicht liegt es genau an diesem Ansatz, dass sich sein Film schwertut, zu einem überzeugenden Ende zu finden: Das Finale erscheint geradezu symptomatisch für das mitunter fehlende Gespür für Handlung und Figuren: Die Farce – ein eigentlich suspendierter Schüler wird von der Polizei wie ein König auf seinem Stuhl aus der Schule getragen – setzt dem Irrsinn zwar die Krone auf. Doch abermals wirkt das unglücklich, weil es sich auch so interpretieren ließe, als würde das Kind in seiner Verweigerung unverhältnismäßig hofiert werden. Gedacht ist es vom Regisseur laut Interviews tatsächlich vollkommen anders: als Symbol des Widerstands gegen ein kaputtes System. Doch der Film bietet reichlich Raum, um das gehörig misszuverstehen.

Auch ein Blick auf die Musik von Marvin Miller lohnt sich, weil sie auf der Tonebene die eigenwillige filmische Konstruktion raffiniert fortschreibt. Millers Beitrag erweist sich als präziser Taktgeber der Eskalation. Was schon beim Sehen sofort auffällt, ist die rhythmisch gezupfte Geige (Das Lehrerzimmer), die begleitet von Cello und Klavier Carla Nowak auf ihren Wegen durch die Gänge des Gymnasiums begleitet. Der Effekt ist irritierend: Einerseits erzeugt dieser „Puls“ ein Gefühl nervenzehrender Spannung. Doch zugleich ist da auch etwas Spöttisches, in dem sich möglicherweise das Bewusstsein spiegelt, dass hier im Grunde ein banaler Konflikt absurd aufgeblasen wird. Millers Komposition bleibt dabei bewusst sehr statisch, ohne Entwicklung – genauso, wie es für die Konflikte im Film kein Vor und Zurück gibt. Folglich versagt die Musik dem Zuhörer auch jegliche Auflösung oder Katharsis. Der Wahnsinn setzt sich schlichtweg immer weiter fort. Wunderbar kommt dies im Elternabend zum Ausdruck, bei dem die dissonanten Streicher im Hintergrund bildhaft die auf Carla einprasselnden Elternstimmen nachempfinden. Bemerkenswert ist nicht nur die kammermusikalische Besetzung, sondern auch der ökonomische Musikeinsatz. Die komplette Komposition umfasst gerade einmal elf Minuten. Und dennoch bleibt sie mit ihren charismatischen Einsätzen im Gedächtnis haften – eine bemerkenswerte Leistung und sicher auch der maßgebliche Grund, warum Marvin Millers Beitrag für den deutschen Filmpreis nominiert wurde (am Ende aber gegen Im Westen Nichts Neues das Nachsehen hatte).

So effektvoll und präzise die spröde Musik jedoch darin ist, den Erzählrhythmus des Dramas zu akzentuieren, so distanziert bleibt sie in ihrem Verhältnis zu Handlung und Figuren. Çatak verwendet die einzelnen Charaktere und Gruppen an der Schule fast ausschließlich als Stellvertreter für entsprechende Rollen in der Gesellschaft im Großen. Die Schüler seien das Volk, die Schülerzeitung die Presse und die Lehrer die Minister, so der Regisseur in einem Interview. Dieses Aufladen mit Metaphorik geht aber leider auf Kosten einer recht eindimensionalen Charakterzeichnung. Man denke nur an das schon fast karikaturhaft überzeichnete Lehrerpaar im Kollegium, das ständig nach „Law & Order“ geifert, oder die bar jeder Empathie im Interview nachbohrenden Vertreter der Schülerzeitung. In vielen Szenen erwachen die Figuren nicht zum Leben, weil sie eigentlich für etwas Größeres stehen müssen. Dadurch haftet den verhandelten Konflikten trotz aller Intensität etwas seltsam Abstraktes an. Die Musik verstärkt diese Wirkung, weil sie starr an ihrer abstrahierenden und taktgebenden Funktion festhält. So entsteht ein paradoxer Gesamteindruck: Das Lehrerzimmer zieht zwar dank seiner fesselnden Inszenierung immer wieder in den Film hinein, vermag es aber durch die künstliche Konstruktion nicht, den Zuschauer ernsthaft aus der Distanz der komfortablen Beobachterrolle zu reißen. Am Ende leidet man zwar mit Carla Nowak mit, kommt ihr aber in letzter Konsequenz nicht wirklich nahe.

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