„Klebrige Liebe“ – La Ruche

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Die erste Kameraeinstellung des französischen Wettbewerbsbeitrags La Ruche zeigt die junge Marion, die in einem wabenförmigen Spiegel nach ihrer eigenen Identität forscht. „La Ruche“ heißt übersetzt „der Bienenstock“. Und der steht im übertragenen Sinne für Marions Familie und wenn man so will die andere „Waben“ in dem kleinem Gefüge, das in einem Appartement in einem grauen Vorstadtblock lebt. Hier kreisen Marion und ihre beiden Geschwister Claire und Louise (die kleinste im Bunde) um die Mutter Alice (Ludivine Sagnier), sehnen sich nach ihrer Liebe und werden doch immer wieder weggestoßen. Alice leidet unter einer bipolaren Störung, die die Großwetterlage in der Familie diktiert. Der Vater hat sich längst aus dem Staub gemacht. Das „Guten Morgen meine Hässlichen“, dass Alice ihren Töchtern täglich entgegen wirft, ist deshalb zwar liebevoll gemeint, aber genauso als Kampfansage zu verstehen. Denn meistens regiert doch der emotionale Ausnahmezustand. Da gibt es cholerischen Ausbrüche, böse Streitereien und ausufernden Partys. Nach einem Selbstmordversuch, den die Töchter hautnah miterleben, sind die Kinder plötzlich auf sich allein gestellt. Alle gehen auf ihre eigene Weise mit der Situation um: Marion will raus, spart für ein Auslandsjahr in Brasilien und fungiert ihren Schwestern als Ersatzmutter. Die burschikose Claire flüchtet sich in Alkohol und ausschweifende sexuelle Abenteuer. Doch wie schwer die Lage auch ist, so sehr im Grunde klar ist, dass es so nicht mehr lange weitergehen kann: die Familienbande ist stärker als alle Widrigkeiten.

Christophe Hermans inszeniert das mit großer Intensität und Natürlichkeit. Nur selten einmal verlässt der Film, dessen Drehbuch mit vielen Auslassungen operiert, den Schauplatz der Wohnung. Schnell stellt sich eine außergewöhnlich intime Atmosphäre ein, die Züge eines Kammerspiels besitzt. Die Kamera bleibt in Großaufnahmen eng an den Figuren, zeigt ihre Körper immer wieder ineinander verschlungen – ein Akt der bedingungslosen Liebe ebenso wie der Verzweiflung. Alles klebt. Keiner kommt so leicht von dem anderen los. Sophie Breyer, Mara Taquin und vor allem Ludivine Sagnier spielen das mit einer natürlichen Verletzlichkeit, die anrührt. Und doch wird man als Zuschauer das Gefühl nicht los, dass der Film etwas zu sehr um sich selbst kreist. Hermans konzentriert sich allein auf das festgefahrene Innenleben der dysfunktionalen Familie, ohne jemals den Blick nach außen zu richten. Damit entsteht aber auch wenig Raum für Perspektiven oder Entwicklung, werden keine Diskussionen angestoßen. Der erzählerische Stillstand wird auch dramaturgisch zum Problem. Das offenbart sich vor allem beim aufgesetzt wirkenden Filmende: Hier wählt die Inszenierung eine bemühte religiöse Metapher, beschwört das letzte Abendmahl in Form eines gemeinsamen Frühstücks, rückt den Kopf der Mutter in helles Licht, so dass man das Ende bereits ahnt. Aber vielleicht steckt darin auch eine gewisse Konsequenz. So viel toxische Nähe muss zwangsläufig implodieren.


La Ruche läuft im Wettbewerb und ist ab dem 4.11. auch online verfügbar.

Weitere Infos: https://www.filmfest-braunschweig.de/programm/filmsuche/details/la-ruche-10107

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