Harter Psychothrill aus Deutschland: Die Vierhändige

Zwei Geschwister wie eins: Sophie und Jessica wurden als Kinder Zeuge eines brutalen Gewaltverbrechens, dem ihre Eltern zum Opfer fielen. Nun, viele Jahre später, sollen die Täter von einst freigelassen werden. Während Sophie ein neues Leben beginnen möchte, sinnt die ältere Jessica auf Rache – paranoid und bereit, alles zu tun, um die kleine Schwester zu schützen. Nach einem Autounfall, bei dem Jessica tödlich verunglückt, entwickelt Sophie plötzlich extreme Wahnvorstellungen. Auf dem Anrufbeantworter findet sie Mitteilungen ihrer eigentlich totgeglaubten Schwester. Und für Stunden fehlt ihr jegliche Erinnerung, wo sie war oder was sie getan hat. Immer mehr verliert die junge Frau die Kontrolle über das eigene Leben.

Oliver Kienles zweite Regiearbeit, Die Vierhändige, ist einer der Filme, bei denen man am besten möglichst wenig über die Handlung verrät. Kompromisslos erzählt er die Geschichte zweier traumatisierter Schwestern, die ein schlimmes Kindheitserlebnis untrennbar miteinander verbindet. Die beiden Hauptdarstellerin agieren hervorragend: Frida-Lovisa Hamann verkörpert die sanfte Sophie mit einer gehetzten Verletzlichkeit, die die manische Härte der älteren Schwester (Friederike Becht) nur um so stärker hervortreten lässt. Vor allem beeindruckt aber die Atmosphäre, die der eigenwillige Psychothriller aufbaut: Die Totale auf eine alte Villa vor dem Hintergrund einer kahlen Industrielandschaft als entstelltes Sinnbild von Wärme angesichts einer erbarmungslosen Lebensrealität. Das Bild der klavierspielenden Mädchen bevor die Gewalt über sie hineinbricht. Die suggestiven Kamerafahrten in den albtraumhaften Nachtszenen, bei denen sich der Zuschauer nie ganz sicher sein kann, ob real ist, was er oder sie sieht. Dazu die funktionale Filmmusik von Heiko Maile mit ihren unerbittlichen Industrial-Klängen: Kein Zweifel. Der atemlose Thriller beherrscht das Vokabular des Genrekinos, legt immer wieder falsche Fährten, um dann doch eine unerwartete Richtung einzuschlagen.

Mit Die Vierhändige gelingt Oliver Kienle das Kunststück eines harten Psychothrillers, der sich nicht vor internationalen Vorbildern verstecken muss, aber  gleichzeitig eine spezielle Europäische Sensibilität mit sich bringt. Er erzählt seine Geschichte schlüssig und mit bewundernswerter Konsequenz zur finalen Auflösung hin. Dies geschieht mitunter auch auf Kosten einzelner Spannungsbögen. Leider ahnt man als Zuschauer etwas zu früh, in welche Richtung sich der Plot entwickelt. Auch wenn der Film ungeachtet dessen immer noch zu fesseln vermag, verliert er dadurch doch ein klein wenig von seiner anfänglichen Faszinationskraft. Das ist schade. Denn auch wenn man das Ende kennt, möchte man Die Vierhändige am liebsten gleich ein zweites Mal sehen. Um alle Details des vielschichtigen Drehbuchs zu dekodieren.

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