Die World Soundtrack Awards 2018

Die Carter Burwell Show

Zwei Jahren ist es her, dass Carter Burwell gleich indrei Kategorien den World Soundtrack Award (insgesamt gibt es dort nur 8!) gewinnen konnte. Als frischgebackener Sieger sendete er damals ausschließlich Videobotschaften nach Belgien. Mit jeder wuchs sein Bedauern mehr, nicht anwesend sein zu können. In diesem Jahr hat es dann doch mit dem Besuch geklappt. Als  Hauptgast des Festivals wurde Burwell ein circa einstündiges Konzert während der Preisverleihung der World Soundtrack Awards gewidmet. Eine absolute Weltpremiere – denn seine Filmmusiken wurden bis zu diesem Tag noch nie außerhalb der jeweiligen Recording Sessions gespielt – und das bei einer mittlerweile 34 Jahre andauernden Karriere als Filmkomponist und in einer Zeit, in der Filmkomponisten vermehrt mit eigenen Programmen auf Tournee gehen oder zumindest bei Festivals wie denen in Gent oder in Krakau auftreten.

Dass es so lange gedauert hat, liegt – so konnte man den Eindruck bekommen – wohl auch ein bisschen an Burwell selbst. Bei den Auftritten im umfangreichen Rahmenprogramm, in denen er recht ausführlich über seine Arbeit Auskunft gab, sprach er nämlich überraschend selbstkritisch davon, dass sein persönlicher Stil bzw. seine kompositorische Stimme auch „Grenzen“ habe. Und auch im Programmheft des Abends wurde angemerkt, dass Burwell sich seine Arbeiten nur schwer getrennt vom Bild vorstellen könne. Ein schlechtes Omen also für einen gelungen Konzertabend?

Gespielt wurde ein sehr gut zusammengestellter Querschnitt aus Burwells Schaffen. Dieser offenbarte dann auch einige der von Burwell erwähnten Grenzen, insbesondere in der gleichförmigen harmonischen Gestaltung der Musiken. Seine Stärken traten aber ebenfalls zu Tage: emotional fein austarierte Melodien, die nicht nur schön klingen, sondern auch wie die Faust aufs Auge zum jeweiligen Film passen. Erwartungsgemäß stand viel Musik aus den Filmen der Coen-Brüder auf dem Programm. Angefangen vom Gangsterfilm Miller’s Crossing aus dem Jahr 1990, eine seiner ersten orchestralen Vertonungen, bis hin zu Hail, Caesar! war vieles dabei. Und natürlich durften Karriere-Höhepunkte wie Fargo und True Grit ebenso wenig fehlen wie die beiden Oscar-nominierten Scores aus Burwells Schaffen: Carol und Three Billboards Outside of Ebbing. Am Ende des Konzerts erwiesen sich Burwells Befürchtungen dann doch als unbegründet: Das Publikum zeigte sich sehr angetan und bedachte den Ehrengast mit viel Beifall.

(v.l.) Carter Burwell und Nicholas Britell bei einer Panel-Diskussion

Zukunft und Vergangenheit

Bei der WSA-Zeremonie steht aber natürlich nicht nur die Musik des Hauptgastes auf dem Programm. Jedes Jahr werden auch Preise an Komponisten verliehen, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Unter anderem richtet die SABAM (das belgische Äquivalent zur GEMA) jedes Jahr einen Kompositionswettbewerb aus, in dem Nachwuchs-Komponisten einen vorgegeben Filmausschnitt, (oder in manchen Jahren auch einen ganzen Kurzfilm) neu vertonen müssen. Dem Sieger locken 2.500 Euro Preisgeld. Entscheidender dürfte für die Teilnehmer aber sein, dass die drei nominierten Werke von den Brüsseler Philharmonikern am Abend der Preisverleihung live gespielt werden. Der Filmausschnitt, der 2018 vertont werden sollte, stammt aus dem japanischen Antikriegs-Anime Die letzten Glühwürmchen aus dem Jahre 1988. Alle drei resultierenden Vertonungsansätze waren leider recht ähnlich gehalten. Ausgezeichnet wurde am Ende der Amerikaner Logan Nelson, dessen Arbeit auch die am handwerklich ausgefeilteste der drei nominierten Scores war.

Eine weitere Sektion des Konzertabends gilt aus Tradition der „Entdeckung des Jahres“ aus dem Vorjahr. Den Preis kann erhalten, wer noch nicht mehr als sechs Kinofilme vertont hat. Nicholas Britell hat 2017 gewonnen und so wurden ihm zu Ehren Ausschnitte aus seiner Arbeit für den Oscar-Darling Moonlight gespielt. Der beinahe kammermusikalische Score fiel vor allem durch seinen großen Kontrast zu den restlichen gespielten Werken auf, wobei natürlich auch einige der Burwell-Arbeiten recht spärlich instrumentiert sind und mit einem fragilen Klangbild daherkommen. Die Performance lebte dabei insbesondere vom delikaten Violinsolo des Konzertmeisters Henry Raudales.

Bei der Krönung der neuen Entdeckung des Jahres schien es so, als hätte sich die World Soundtrack Academy die aktuelle „diversity“- Diskussion zu Herzen genommen. Zumindest gab es drei Frauen unter den fünf Nominierten. Gewonnen hat schließlich die in Brooklyn aufgewachsene Tamar-kali für ihre kammermusikalische Vertonung des Netflix-Dramas Mudbound. Von den anderen Nominierten wird vermutlich aber Hildur Guðnadóttir die steilere Karriere hinlegen. Die Isländerin, die jahrelang eng mit Jóhann Jóhannsson zusammengearbeitet hat, scheint nämlich derzeit genau jene Projekte zu erhalten, die ursprünglich für den viel zu früh Verstorbenen gedacht waren. So steht auf der Liste ihrer neuen Projekte eine der größten Studio-Produktionen des nächsten Jahres: Joker, mit Joaquin Phoenix in der Rolle des berühmt-berüchtigten Clown-Verbrechers aus den „Batman“-Universum. Hildur durfte am Ende stellvertretend dann sogar noch einen Preis entgegennehmen: Die World Soundtrack Academy zeichnete Jóhann Jóhannsson posthum mit dem Preis für seine Arbeiten an Mandy, The Mercy und Mary Magdalene (bei dem Hildur als Ko-Komponistin gelistet wird) als Komponist des Jahres aus. Ein rührender und wehmütiger Moment, der nicht zuletzt schmerzlich daran erinnerte, dass Jóhannson in einer gefühlt immer weniger risikobereiten Filmbranche einer der wenigen war, die noch Experimente gewagt haben.

„Discovery of the Year“-Nominierte bei einer Roundtable-Diskussion mit Journalisten (o.v.l.): Tamar-kali, Hildur Guðnadóttir, Amelia Warner, Valentin Hadjadj, Laurent Eyquem, unten rechts: Filmmusik2000-Autor Jan Boltze

Eine Woche voller Filmmusik

Ein weiteres spannendes Konzert war das der beiden „Lion“-Komponisten Volker Bertelmann (auch bekannt als Hauschka) und Dustin O‘ Halloran, die mit einem Konzertprogramm für zwei Konzertflügel auftraten. Das vielseitige Programm bestand aus der Oscar-nominierten Musik zu Lion und anderen Kompositionen, die beide gemeinsam oder einzeln erarbeitet haben. Besonders bemerkenswert war zu sehen, was der Klangtüftler Hauschka alles so mit seinem Lieblingsinstrument anstellt: Der Deutsche spielt ein sogenanntes „präpariertes Klavier“, bei dem er verschiedene Gegenstände zwischen die Saiten klemmt oder auf die Saiten legt, um den Klang der Tastenanschläge anzureichern oder zu verfremden. Mit diesen einfachen aber effektvollen Kunstgriffen erzeugt er eine erstaunliche Palette an unterschiedlichen musikalischen Ausdrucksformen. Kein Wunder also, dass der Konzertabend reicher an Klangfarben war, als man bei der Ankündigung von zwei Klavieren möglicherweise vermutet hätte.

Das Themen-Konzert der World Soundtrack Awards stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Themas Science Fiction: Der Abend begann mit einem spannenden „Experiment“: die berühmte  Raumstation-Andock-Sequenz aus Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey wurde einmal mit dem im Film verwendeten Strauss-Walzer „An der schönen blauen Donau“ gezeigt – und einmal mit der von Alex North ursprünglich komponierten, aber von Kubrick verworfenen Musik. Welche Vertonung die bessere Wahl ist, konnte zwar auch weiterhin nicht abschließend geklärt werden. Aber in jedem Fall hat die Szene Lust darauf gemacht, einmal den ganzen Film mit der North-Musik (soweit komponiert) zu sehen, oder auch auf ein ganzes Konzertprogramm mit Alex North-Musiken oder Soundtracks seiner Zeitgenossen. Und davon dürfte es in Zukunft gerne noch mehr geben. Denn so schön es ist, dass sich das Festival-Programm an seinen Gästen ausrichtet, wäre es ebenso wichtig, die Erinnerung an herausragende Werke der Filmmusik-Geschichte mit entsprechenden Konzerten wachzuhalten. Aber immerhin wurden im Science-Fiction-Schwerpunkt nicht nur die üblichen Genre-Verdächtigen wie die Hauptthemen aus Star Trek oder Star Wars gespielt, sondern auch selten oder noch nie live gespielte Stücke wie „Klendathu Drop“ aus Poledouris‘ Starship Troopers oder ganz frisch eine Suite aus Solo von John Powell. 

Und so war es am Ende wieder eine Woche, derart vollgestopft mit Konzerten, Panel-Diskussionen und Workshops, dass kaum ein Festivalbesucher mal in die Verlegenheit kam, durch die Straßen der eigentlich wunderschönen Stadt Gent zu schlendern. Und so sollten Filmmusik-Fans auch im nächsten Jahr unbedingt wieder vorbeikommen, wenn Gent die Pforten zu den World Soundtrack Awards öffnet und sich für eine Woche zum filmmusikalisches Mekka verwandelt. Im Oktober 2019 wird es wieder soweit sein.

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