„Der Preis der Freiheit“ – Dede

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Am Anfang steht das Aufbegehren gegen uralte Traditionen: Es ist das Jahr 1992. Der Schauplatz: Das georgische Dorf Uschguli in Ober-Swanetien im Kaukasus-Gebirge. Die junge Dina weigert sich, den ihr zugesprochenen David, der gerade aus dem Krieg zurückgekehrt ist, zu heiraten. Sie liebt nämlich dessen Freund Gegi aus dem Nachbardorf. Die streng-religiöse Gemeinde ist von dieser Entscheidung mehr als geschockt. Das Entsetzen wird noch größer als sich David, der sich seiner Ehre beraubt sieht, das Leben nimmt. Dina flieht mit Gegi in dessen Dorf und heiratet. Doch ihre Familie sieht darin ein Unrecht, das gesühnt werden muss. Und wenn einer die ungeschriebenen Spielregeln verletzt, droht eine Blutfehde.

Die georgische Regisseurin Mariam Khatchvani erzählt in ihrem Filmdebüt Dede von dem Preis, den eine junge Frau für ihr Sinnen nach Selbstbestimmung zahlen muss. Mit anthropologischen Blick zeigt sie eine religiöse Gemeinschaft, die nach altchristlichen Vorstellungen und mit einer eigenen Sprache nahezu völlig isoliert von der Außenwelt im Hochgebirge lebt. Kameramann Konstantin Mindia Esadze gelingen eindrucksvolle Bilder vom Kaukasus im Wechsel der Jahreszeiten: Anfangs, Dina ist noch hoffnungsfroh, agiert die Kamera dynamisch. Im Winter, ihre Situation ist längst festgefahren, werden auch die Einstellungen statischer, die Farben erscheinen fast monochrom. Die meterhohen Schneeschichten und die Eiseskälte werden zu einem Symbolbild für die Last, die Dina mit sich herumträgt.

Es ist eine verschlossene Filmwelt, die Dede vor dem Zuschauer ausbreitet. Der Film arbeitet bewusst mit Leerstellen, erklärt wenig. Die Rituale und ungeschriebenen Gesetze dieser archaisch lebenden Gemeinschaft bleiben oft unverständlich. Diese distanzierte Erzählhaltung erschwert es dem Zuschauer allerdings, in die fremd erscheinende Kultur einzutauchen. Das starre Festhalten an längst überholten Traditionen, die Fortschrittsfeindlichkeit und das fragwürdige Verständnis von Ehre – man ahnt, dass diese Gemeinschaft dem Untergang geweiht ist. Im Film ist vom Einzug der Moderne freilich nichts zu spüren. Tatsächlich geht man aber davon aus, dass die svanische Sprache in den nächsten zwanzig Jahren nahezu verschwunden sein wird. Für Mariam Khatchvani, die selbst aus dem Kaukasus stammt, war Dede deshalb ein besonderes Herzensprojekt. Sie setzt ihrer Heimat ein eindrucksvolles filmisches Denkmal. Mit dem halb-dokumentarischen Duktus droht sie allerdings ein wenig, die filmische Seite des Projekts aus den Augen zu verlieren. Bei aller Faszination fühlt sich Dede am Ende nämlich doch mehr spröde als besonders fesselnd an.


Dede: Georgien 2017, Regie: Mariam Khatchvani (Wettbewerb)

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