„Es knallt, doch warum?“ Musikalische Filmkonstruktion in 10, Cloverfield Lane

*** Achtung: Dieser Artikel enthält Spoiler ***

Die erste Szene von 10, Cloverfield Lane zeigt eine Frau im Ausnahmezustand: Die junge Michelle sitzt einsam in der Wohnung ihres Verlobten und hadert damit, ob sie sich von ihrem Partner trennen soll. Kurzentschlossen packt sie die Sachen und verlässt das gemeinsame Appartement. Zurück auf dem Tisch bleiben Wohnungsschlüssel und  Verlobungsring.  Im Grunde eine einfache Szene. Doch bemerkenswert an der Eröffnungssequenz ist, dass der Zuschauer ausschließlich die dominante Musik von Bear McCreary hört, aber keine Dialoge oder Umgebungsgeräusche. Mit einer Ausnahme: Als Michelle auf das Foto des Paares blickt, erklingt zweimal ein lauter Knall.  Der Tisch vibriert. Das Bild kippt um. Völlig unklar bleibt jedoch, ob dieser Soundeffekt Teil der Filmmusik ist oder sein Ursprung in der Filmhandlung liegt.

Beide Schlüsse sind denkbar: Einerseits könnte Michelle in der Hektik selbst gegen den Tisch gestoßen sein. Der Knall würde in diesem Fall die Erschütterung ihrer Psyche spiegeln. Und das Umfallen des Bildes wäre demnach eine wenig subtile Metapher für das Ende der Beziehung. Andererseits ist es aber ebenso vorstellbar, dass die Explosionen  tatsächlich in der Welt der Filmhandlung stattfinden. Nur ist Michelle emotional so aufgewühlt, dass die Ereignisse der Außenwelt in diesem Moment nicht zu ihr vordringen. Wenn man weiß, das der Filmtitel auf den Handkamera-Reißer Cloverfield und damit einen Angriff Außerirdischer anspielt, eine durchaus naheliegende Möglichkeit. Doch der Film lässt zu diesem Zeitpunkt noch beide Möglichkeiten offen. Wenig später sehen wir wie Michelle mit dem Auto durch eine intakte Landschaft fährt. Auch als ihr Freund sie auf dem Handy anruft oder in den Radionachrichten, die sie im Auto hört, gibt es keinerlei Anzeichen für eine extraterrestrische Bedrohung. Ist vielleicht doch alles nur Einbildung?

Der Soundtrack zu 10, Cloverfield Lane

Während  der Zuschauer beim ersten Sehen noch im Dunkeln tappt, bietet McCrearys omnipräsente Vertonung  rückblickend mit ihrem speziellen Fokus eine frühe Antwort auf diese Frage an.  Sie konzentriert sich nämlich von Beginn an allein auf den Thriller-Aspekt der Handlung. Das ominöse Hauptthema für Michelle, das gleich am Anfang von der türkischen Laute vorgestellt wird, erzeugt mysteriöses Akte X-Flair, vermeidet aber eine präzise Psychologisierung, wie sie eher zu der Szene gepasst hätte. Das plakative Spiel mit den filmmusikalischen Stereotypen des Thrillergenres verdeutlicht, dass die Macher mehr Wert auf  Suspense und Action als auf eine plausible Charakterentwicklung legen. So verwundert es kaum, dass das Drehbuch die Beziehungskiste bald komplett beiseiteschiebt und der Film alsbald das Genre wechselt. Nach einem Autounfall wird sich die verletzte Michelle angekettet in einem Bunker wiederfinden. Das Beziehungsdrama verwandelt sich in einen kammerspielartigen Psychothriller.

Psychoduell im Keller: John Goodman und Mary Elizabeth Winstead
© Paramount

In den ersten Einstellungen des Filmes nimmt die Musik das spätere klaustrophobische Setting bereits vorweg. Während wir als Zuschauer dem emotionalen Ende einer Beziehung beiwohnen, wecken die sinisteren Streichermelodien mit Begleitung von Klavier und Xylophon in groben Pinselstrichen Erinnerungen an das Kino Alfred Hitchcocks und die Filmmusiken Bernard Herrmanns. Es ist ein klassisches „Mood-Setting“, also die frühe Definition von Genre und Stimmung mit musikalischen Mitteln, welches McCreary betreibt. Der Zuschauer wird auf die Filmhandlung eingestimmt und in eine entsprechende Erwartungshaltung versetzt, während die Bilder vergleichsweise harmlos wirken oder in eine ganz andere Richtung deuten. Im Fall von 10, Cloverfield Lane könnte sich die Handlung auch in Richtung Eifersuchts- oder Rache-Plot entwickeln. Doch Michelles gescheiterte Beziehung erweist sich als falsche Fährte. Sie spielt für den Fortgang der Handlung keine große Rolle mehr.

Das Finale von 10, Cloverfield Lane  spiegelt den Filmanfang dennoch auf bemerkenswerte Weise: Der Film wechselt abermals das Genre: Michelle entkommt der Enge des Verlieses und sieht sich sofort neuen Gefahren gegenüber. Verlässt sie zu Beginn sinnbildlich das Gefängnis einer gescheiterten Beziehung, ist es nun das Gefängnis des Bunkers, dem die junge Frau entkommt. „The New Michelle“ heißt bezeichnenderweise ein entsprechendes Stück der Filmmusik, das eine Reprise des Hauptthemas bereithält, danach aber auf typische Superhelden-Stereotype zurückgreift. Michelle ist ihrem Überlebenskampf längst zur Actionheldin mutiert. Die visuellen Parallelen sind offenkundig: Wie zu Beginn sehen wir sie im Auto über Landstraßen einem neuen Leben entgegenfahren. Und wieder warten neue Bedrohungen auf die junge Frau. Der Ausbruch aus ihrer jeweiligen Lebenssituation war notwendig, bietet aber nicht die erhoffte Erlösung. Nichts ist gut. Fortsetzung folgt. Ein perfekter Cliffhanger für den nächsten Film im Cloverfield-Franchise.

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