„Von der Vergangenheit eingeholt“ – Wolka

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Für die Crew muss es ein Schock gewesen sein. Mitten in die Post-Produktion von Wolka platzte die Hiobs-Botschaft vom unerwarteten Tod des Regisseurs Árni Ólafur Ásgeirsson, der nach kurzer schwerer Krankheit im April 2021 verstarb. Sein letzter Film Wolka zeigt noch einmal eindrucksvoll die Fähigkeiten des talentierten Regisseurs: Erzählt wird die Geschichte der Polin Anna (Olga Boladz), die nach vielen Jahren aus einem polnischen Gefängnis entlassen wird. Die schwere Zeit hinter Gittern hat sie gestählt, die Tattoos auf ihrem Körper zeugen wie Narben von den Scharmützeln mit den Mitgefangenen. Einmal auf freiem Fuß sucht sie mit wilder Entschlossenheit eine mysteriöse Frau namens Dorota, mit der sie offenbar noch eine alte Rechnung zu begleichen hat und die irgendwie mit der abgesessenen Haftstrafe in Verbindung steht. Schließlich gelingt es Anna, Dorota auf den abgelegenen Westmänner Inseln vor Island ausfindig zu machen. Die Gesuchte hat längst eine eigene Familie mit zwei Kindern gegründet. Als Anna vor der Tür steht und sich als alte Schulfreundin im Haus einnistet, müssen sich beide der Vergangenheit stellen.

Vor der zerklüfteten Felsenlandschaft Island entspannt Ásgeirsson ein intensives Drama mit Thriller-Elementen, in dem lange Zeit unklar bleibt, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt und welche Motive Anna verfolgt. Ein Großteil seiner Spannung zieht der Film daraus, dem Publikum eine moralische Wertung von Annas Taten zu verweigern oder zumindest zu erschweren. Es gibt keinerlei Kontext. Man weiß nicht, warum sie im Gefängnis einsaß, welche Gefahr tatsächlich von ihr ausgeht und wie weit sie bereit ist, in ihrer Rache zu gehen. Über jeder Szene schwingt deshalb wie ein Damokles-Schwert das Abgründige, das Ungesagte und die unheilvolle Aussicht, auf das was da vielleicht noch kommen mag. Und selbst wenn sich der Nebel lichtet, entzieht sich der Film immer noch eindeutigen Zuschreibungen. Olga Boladz in der Hauptrolle spielt das furios – subtil austariert zwischen abgezockter Eiseskälte und unvermuteter Verletzlichkeit. Die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen spiegeln gleichermaßen das Innenleben der Figuren wie sie in der stilisierten Noir-Ästhetik Erinnerungen an nordische Krimiserien wie Die Brücke oder Trapped wachrufen.

Es ist ein geschicktes Spiel mit Erwartungen, welches Ásgeirsson hier betreibt. Die raffinierte Drehbuch-Konstruktion erzeugt einen faszinierenden Sog, dem man sich als Zuschauer kaum entziehen kann. Wenn am Ende der Abspann läuft, mag man vielleicht einwenden, das einige Wendungen im Rückblick nicht ganz plausibel erscheinen. Aber wenn man sieht, wie effektvoll Ásgeirsson hier Spannung erzeugt, ohne auf plumpen Nervenkitzel zu setzen, dann lassen sich derlei Schwächen nachsehen. Ohnehin geht es im Film um mehr als selbstzweckhafte Plot-Twists. Wolga vermeidet ganz bewusst eindeutige Genre-Zuordnungen und schöpft genau daraus seine besondere Überzeugungskraft. Ein starker Film. Umso trauriger, dass wir keine weiteren Filme von Árni Ólafur Ásgeirsson mehr sehen werden.

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