Nachlese: Filmkonzert Die Nibelungen

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Viereinhalb Stunden Die Nibelungen von Fritz Lang – das bedeutete am Freitagabend Schwerstarbeit für das Braunschweiger Staatsorchester und seinen Dirigenten Helmut Imig in der gut gefüllten Stadthalle. 1924 feierten die beiden Filmteile „Siegfried“ und „Kriemhilds Rache“ noch im Abstand von zwei Monaten Premiere. Doch Helmut Imig hat sich im Rahmen des Filmnfest dem kompletten Film angenommen. Dies entspricht daher zwar nicht der historischen Praxis, macht aber dennoch Sinn. Denn gerade das düstere Finale, welches den Nibelungen aus Worms Tod und Verderben bringt, gibt dem ersten Teil erst seine Bedeutung, führt den Irrsinn der bedingungslosen Nibelungentreue vor Augen. Die Kinozuschauer in der Weimarer Republik sahen dies freilich anders: Während der „Siegfried“ mit seinem populären Heldenmythos und dem Kampf gegen den Drachen wochenlang erfolgreich in den Kinos lief, war „Kriemhilds Rache“ den meisten Kinogängern viel zu schwermütig und damit unverträglich mit jeglicher patriotischer Gesinnung.

Die aufwendig restaurierte und rekonstruierte Fassung von Fritz Langs Stummfilmepos wurde bereits im April 2010 unter Leitung von Frank Strobel in Frankfurt uraufgeführt. Der Film besitzt zwar nicht ganz den Bekanntheitsgrad wie die drei Jahre später in die Kinos gekommene Kino-Utopie Metropolis, gehört aber gleichermaßen zu den großen Meilensteinen des deutschen Stummfilms. Die monumentalen Bauten, die eigenwilligen Dekors und nicht zuletzt die für die damalige Zeit bahnbrechenden Trickeffekte sorgen für große Schauwerte, die auch heute noch mitreißen. Vor Metropolis (1927) muss sich Fritz Langs Nibelungen-Zweiteiler deshalb in keinerlei Hinsicht verstecken.

Die emotionale Musik des damals 35jährigen Gottfried Huppertz (1887-1937), der für Die Nibelungen seine erste Filmmusik komponierte, entwickelt im Zusammenspiel mit den Bildern einen sogartigen, elegischen Erzählrhythmus, der auch heute noch zu faszinieren und begeistern vermag. Ein Vorbild für seine Partitur fand Huppertz allerdings nicht, wie man vielleicht denken könnte, beim Ring-Zyklus von Richard Wagner. Stattdessen wurde der Kölner Komponist von dem heute nahezu vergessenen Opernfragment Gunlöd (1866) von Peter Cornelius, das auf dem gleichen isländischen Sagenstoff, der auch den Die Nibelungen zugrunde liegt, inspiriert. Ein wenig Wagner schimmert hier und da aber dennoch durch, wenngleich Huppertz vor allem im zweiten Teil, in dem der Vergleich mit dem Ring nicht mehr droht, mehr und mehr eigene Wege geht. Wenn man so will, nimmt er in den Marschrhythmen für die Hunnen in „Kriemhilds Rache“ fast ein wenig Franz Waxmans Taras Bulba (1962) vorweg.

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Ohnehin ist eine gewisse Vorbildfunktion für das Hollywood-Kino des Golden Age deutlich spürbar. Nicht nur in der leitmotivischen Konzeption, sondern auch die der Spätromantik verhaftete Musiksprache lässt bereits die Filmmusiken von Erich Wolfgang Korngold und Max Steiner erahnen. Der Umgang mit den Leitmotiven ist bei Huppertz allerdings ein anderer als bei Wagner, da die Themen nicht miteinander verbunden werden, sondern immer quasi nebeneinander stehen. Und es sind kraftvolle Themen, die Huppertz für Die Nibelungen erschaffen hat – ob nun das heldenhafte Siegfried-Thema oder die schillernden Harmonien für die auf Rache sinnende Kriemhild – es findet sich der ein oder andere Ohrwurm.

Helmut Imig ist es mit dem Braunschweiger Staatsorchester gelungen, die spezielle Klanglichkeit der Nibelungen-Musik eindrucksvoll wie präzise in den Konzertsaal zu übertragen. Der enorme Kraftakt der viereinhalb-stündigen Musik (inklusive halbstündiger Pause) und die perfekte Synchronisation zum bewegten Bild nötigen großen Respekt ab. Das grandiose Filmkonzert wurde vom Publikum deshalb völlig verdient mit tosendem Applaus belohnt. Auch wenn der eine oder andere potentielle Konzertgänger von der Länge des Programms abgeschreckt war: Das Filmkonzert Die Nibelungen war einer der großen Höhepunkte des diesjährigen Filmfests. Wer Gelegenheit hat, sich dieses Stummfilmkonzert anzusehen, sollte sich diese nicht entgehen lassen.

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