Junges Leben im digitalen Zeitalter – „Beyond Self Display“

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Smartphones und das ständige Präsent-Sein im Internet prägen die Lebenswelten vieler Kinder und Jugendlicher in einem Ausmaß, wie es für Erwachsene oft nur schwer vorstell- und nachziehbar ist. Wenn Danella, eine der jungen Frauen im Italienischen Drama Like me back, sich mehr über den zehntausendsten Follower freut als über die sonnendurchflutete Insellandschaft in der kroatischen Adria, durch sie mit zwei ihrer Freundinnen inklusive nur für sie abgestellten Skipper segelt, dann erscheint etwas grundlegend falsch. Doch Freundinnen mag man die drei Italienerinnen Lavinia, Carla und Danella ohnehin kaum nennen. Denn jede der drei ist vor allem mit sich selbst und ihrem Handy beschäftigt, immer auf der Suche nach dem nächsten Video, welches potentiell viele Likes produziert – auch wenn es mitunter die Privatsphäre der anderen beiden verletzt. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, muss es schließlich immer einen Schritt weiter gehen. Vor allem Lavinia überschreitet dabei Grenzen: Öfters filmt sie heimlich ihre Freundinnen und stellt die Videos ungefragt online. Von sich selbst dreht sie ein laszives Nacktvideo, ohne je selbst mit einem Mann geschlafen zu haben. Doch was erst einmal viral geht, lässt sich nicht mehr löschen.

Leonardo Guerra Seràgnoli wirft in seinem zweiten Spielfilm einen interessanten Blick auf die Lebenswelt der Generation Z, zeigt die Spannungen, die entstehen, wenn das Agieren auf den sozialen Plattformen ohne Bewusstsein für Risiken und Respekt für die Privatsphäre des Anderen erfolgt. Leider ist das kammerspielartige Segeltörn-Setting aber nur bedingt dazu geeignet, die Konflikte zwischen den jungen Abiturientinnen präzise herauszuarbeiten. Und so verliert sich die Geschichte im letzten Drittel all zu oft zwischen banalen Streitereien und ausufernden Tinder-Dates. Problematisch ist zudem das Zurschaustellen der sonnengebräunten Körper, mit dem sich Seràgnoli den gleichen Voyeurismus zu Eigen macht, den er im Grunde vorgibt zu kritisieren.

Wie schwer es sein kann, die eigene Online-Präsenz abzuschütteln, zeigt auch der fragmentarisch angelegte Episodenfilm Neon Heart aus Dänemark. Eine der Hauptfiguren, Laura, hat in den Staaten ein paar Monate lang Internet-Pornos gedreht. Nun ist sie zurück in ihrer Heimat, Mutter eines kleinen Kindes, und wird immer wieder mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Freunde und Bekannte tuscheln und halten sie für leichte Beute. Ihr Ex-Freund Niklas arbeitet derweil in einer Einrichtung für Männer mit Down-Syndrom. Er kümmert sich mit Herzblut um seine Patienten. Um zwei von ihnen eine erste sexuelle Erfahrung zu ermöglichen, bringt er sie unerlaubt in ein Bordell. Zunächst scheint die kleine Eskapade geheim zu bleiben. Doch auch Niklas hat die Rechnung ohne das liebe Smartphone gemacht. Seine Patienten haben den Besuch nämlich mit ihrem Handy gefilmt… Der schon als neues dänisches „enfant terrible“ bezeichnete Regisseur Laurid Flensted-Jensen reizt es nach eigenen Angaben vor allem dort hinzusehen, wo es andere nicht tun und er will ganz bewusst an Tabus zu rütteln. Seinen Darstellern verlangt er dabei sehr viel ab, erzeugt durch die Intimität aber auch Momente berührender Offenheit wie in der bemerkenswerten Bordellszene. Die bruchstückhafte Erzählweise kommt der Geschichte von Laura hingegen weniger zugute. Ihre Beweggründe bleiben insgesamt zu sehr im Dunkeln. Und angesichts der expliziten Szenen erscheint ihr Erzählstrang am Ende enttäuschend unterentwickelt. Auch die dritte Episode um Niklas Bruder Frederik, der sich der Hooligan-Szene anschließt und bei einem nächtlichen Überfall auf einen Homosexuellen mit dem Handy gefilmt wird, bleibt allein in der losen Momentaufnahme einer Nacht gefangen. Der Zuschauer müsse sich das Puzzle selbst zusammensetzen, so Flensted-Jensen im Filmgespräch nach der Vorführung. Das ist sicher kein verkehrter Ansatz. Doch möglicherweise bleiben in seinem Regiedebüt allzu viele Erzählfäden offen.

Dass sich auch männliche Jugendliche im Internet gut vermarkten lassen, zeigt die Karriere von Austyn Tester, den die Dokumentation Jawline in ihren Mittelpunkt stellt. Genauso wie viele seiner Altersgenossen sendet der junge Amerikaner – eine herausgeputzte Mischung aus Justin Bieber und Boygroup-Mitglied der 90er – täglich Live-Streams von sich. Sein ehrgeiziges Ziel: schneller Ruhm und natürlich möglichst viele Follower. Die Schule hat er dafür abgebrochen. Auf der Broadcast-Plattform will er dennoch ein strahlend positives Bild von sich weitergeben. „Glaub an Dich. Lass Dich nicht von Deinem Weg abbringen, egal was die Anderen zu Dir sagen“, spricht er gebetsmühlenartig ins Mikrofon. Doch letztlich geht es auch ihm um Ruhm und kommerziellen Erfolg. Die Zielgruppe seiner Broadcasts sind einsame weibliche Teenager, die sich nach Aufmerksamkeit, Nähe und Anerkennung sehnen, die sie im normalen Leben nicht erfahren. Beim Treffen mit ihrem Idol in der Mall gibt es deshalb Selfies und innige Umarmungen. Ein findiger Manager wird auf Austyn aufmerksam und bringt ihn zusammen mit anderen Internet-Idolen auf Tour. Bei den Auftritten flippen die Teenies aus, kreischen und fallen in Ohnmacht wie einst zu Zeiten von Take That. Und Austyn gibt die Internet-Berühmtheit gleichzeitig die Chance, seinem eintönigen Kleinstadt-Alltag zu entfliehen. Eine harmlose, beidseitige WinWin-Situation also? Zunächst ja, aber unterm Strich geht es vor allem um schnell verdientes Geld. Denn die Halbwertzeit der Internet-Idole ist kurz, das muss auch Austyn Tester bald am eigenen Leib erfahren. Schon nach der ersten Tour bescheinigt ihm sein Manager, kein weiteres Potential mehr zu besitzen und lässt ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Das ernüchternde Ende von Austyns Karriere steht am Ende von Liza Mandelups bemerkenswerter Dokumentation: Seine persönliche Reise geht ganz schlicht weiter: mit dem täglichen Schulbus.

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