„Das andere Zürich“ – Der Buezer

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Wer an Zürich denkt, hat die noblen Bankenviertel vor Augen, die mondäne Villen am Rand des Zürisees, teure Einkaufstraßen und eine geschäftige Großstadt. Doch es gibt auch die andere Seite, die der hart schuftenden Handwerker, die erst die glänzenden Fassaden der Hochhäuser entstehen lassen. Einer von ihnen ist der der schüchterne Sigi (Joel Basman), der auf dem Bau als Sanitärinstallateur „schafft“ wie es im Schwiizerdütsch heißt. Der knapp über Zwanzigjährige ist ein „Buezer“, ein fleißiger Arbeiter im Jargon, der sich nichts sehnlicher als eine Freundin wünscht. Doch das fällt dem sensiblen Handwerker schwer. Denn in dieser Branche zu arbeiten, ist im reichen Zürich nicht gern gesehen. Und so sucht auch ein Tinder-Date, dass Sigi von ihrer Arbeit in einer Marketing-Agentur erzählt, entsetzt das Weite als sie von seiner Tätigkeit auf dem Bau erfährt.

Mehr Glück scheint er bei der jungen Hannah zu haben, die auf der Straße Flyer verteilt. Sigi gibt sich ihr gegenüber als Berater bei einer Marketing-Firma aus. Sie schleppt ihn daraufhin mit zu „Celebrations“ und Gruppen-Meetings der Freikirche, möchte ihn als neues Mitglied der Gemeinschaft gewinnen. Parallel beginnt Sigi, für einen windigen Hauseigentümer (Andrea Zogg), der ihm wie ein väterlicher Freund erscheint, schwarz zu arbeiten. Sigis Leben scheint sich langsam zu verbessern. Doch als Hannah Sigi zufällig auf einer Baustelle entdeckt, gibt sie ihm angesichts der fatalen Lüge den Laufpass. Als sich der Hauseigentümer auch noch als Drogenhändler und Zuhälter entpuppt, brennen beim frustrierten Sigi alle Sicherungen durch.

Was Hans Kaufmann in seinem ersten Kinofilm mit äußerst kleinem Budget gelingt, ist ein präziser, glaubwürdiger Blick auf die Schattenseiten der Züricher Hochglanzviertel. Er und sein Hauptdarsteller Joel Basman sind nach eigenen Angaben in der Nachbarschaft des Rotlichtviertels aufgewachsen. Sie kennen das Milieu und das merkt man dem authentisch wirkenden Film an. Mehr noch ist es aber das nuancierte Spiel Basmans, das mitreißt. In seinem Gesicht lässt sich die ganze Enttäuschung, Verletzlichkeit und schließlich die zunehmende Wut Sigis ablesen. Der genauso raffinierte wie fesselnde Plot, den Kaufmann punktgenau inszeniert , steuert mit Hochspannung auf sein fatales Ende zu und orientiert sich dabei in Grundzügen unverkennbar an Scorseses Taxi Driver. Und so ist es wohl kein Zufall, dass am Ende eine Zeitungsschlagzeile des Schweizer Boulevards steht, die vollmundig einen Helden feiert, der keiner ist. Auch diese Seite gehört leider zur Schweiz.

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