Vikings – Trevor Morris

Bereit zum Plündern ©Bernard Walsh © 2017, A&E Television Networks

Bei Odin: Die Filmmusik von Trevor Morris zur Serie Vikings ist eine Zumutung. Zumindest  oberflächlich betrachtet. Denn die  Vertonung des Kanadiers erscheint viel zu modern für das Zeitalter der Wikinger. Die Verwendung von elektronischen Klängen, Beats und Geräuscheffekten wie man sie eher aus dem gegenwärtigen Action-Kino kennt, wirkt für einen derartigen Historienstoff seltsam anachronistisch. Von ungefähr kommt das allerdings nicht: Morris wurde in den berühmt-berüchtigten Studios der Remote Control Productions um Hans Zimmer ausgebildet. Und entsprechend klingt seine Musik auch: Es wird getrommelt, gezischt. Es brodelt und pulsiert. Hier und da ein ethnisches Instrument und manchmal eine Vokalise. Kennt man alles von Zimmer & Konsorten. Und weil sich die Serien-Macher zumindest in der ersten Staffel ihres Erfolges nicht sicher sein konnten, war in der (fast vollständig elektronisch gehaltenen) Vertonung das Budget noch eingeschränkt. Daher verwundert es kaum, dass diese künstlicher und weniger hochwertig produziert klingt als es die Kinomusiken Zimmers normalerweise tun.  Ein wenig merkt man eben doch, dass man sich hier „nur“ im Fernsehbereich befindet. Dazu noch in zweiter Reihe von aufwändigen Großproduktionen des Formats Game of Thrones.


Die Kritik könnte an dieser Stelle enden. Und ganz falsch läge sie sicher nicht. Und dennoch lohnt sich ein differenzierter Blick: Beim Hören der Vikings-Musik fällt nämlich schnell auf, dass jegliche melodische Bezugspunkte fehlen. Heroische Fanfaren, großes Pathos, wiedererkennbare Themen oder gar Leitmotive? Völlige Fehlanzeige. Das ist für einen historischen Abenteuerstoff dann doch irritierend – und steht im deutlichen Gegensatz zu den markanten Themen wie man sie etwa in Game of Thrones hören kann. Selbst der Serien-Vorspann bietet mit dem Song „If I had a Heart“ von Fever Ray eine ätherische Fusion aus Folk Rock und Ambient-Sounds, die sich so gar nicht zum Mitsummen eignet. Und spätestens jetzt ahnt man: Hinter der sonderbaren Musik-Auswahl steckt Methode.

Lagertha in Vikings © Jonathan Hession © A&E Television Networks

Die filmmusikalische Herangehensweise an den Stoff erscheint also keineswegs zufällig  gewählt, etwa weil der Komponist es  nicht besser konnte. Ein näherer Blick auf Figuren und Handlung liefert eine einleuchtendere Erklärung: Die Hauptfigur, der aufstrebende Nordmann Ragnar Lothbrok, dient zwar mit seinem Charme und seiner Intelligenz  dem Zuschauer als Identifikationsfigur, ist aber beileibe kein strahlender oder gar moralisch überlegener Held. Unter seiner Leitung fallen die Wikinger in Nordumbrien ein, plündern, morden und brandschatzen. Eine Filmmusik, die diese Gewaltakte affirmativ unterstützt und damit positiv besetzt hätte, wäre völlig unangemessen gewesen. Die atmosphärische Vertonung von Trevor Morris bleibt deshalb ganz bewusst zurückhaltend, überträgt die Ambivalenz der Handlung in eine Klanglichkeit, die das Archaische der Wikinger betont,  dabei aber moralische Wertungen ausspart. Es wäre sicher übertrieben, von einer präzisen Psychologisierung zu sprechen. Dafür bleibt die Filmmusik dann doch zu atmosphärisch und steht zu nahe am geräuschhaften Sound Design. Dennoch gelingt es Morris mit seiner eigenwilligen Fusion aus kühlen elektronischen Klängen und dem Einsatz alter nordischer Instrumente eine Distanz zur Handlung zu schaffen, die den Zuschauer zwangsläufig zur Reflektion zwingt. Dieser Verfremdungseffekt findet aber nicht nur auf der Tonebene statt, sondern wird auch von einer eigenwilligen Bildsprache unterstützt, die mit Stilmitteln wie Farbfiltern, Zeitlupen-Effekten und Jump Cuts arbeitet. Es ist der Blick von heute auf die Vergangenheit: Auf mehreren Ebenen löst sich die Inszenierung geschickt von der reinen Erzählung, deren moralische Einordnung dem Zuschauer obliegt.

Während die Musik von Morris in der ersten Staffel sehr atmosphärisch bleibt, stechen in der musikalischen Gestaltung  insbesondere die Filmsongs hervor. Mit wenigen Ausnahmen stammen sie von der norwegischen Band Wardruna um den charismatischen Frontmann Einar Selvik. Unter Verwendung alter Instrumente und Gesang in altnordischer Sprache praktiziert die Formation eine Art experimentelle Folklore, die inspiriert wurde von den Runen des sogenannten älteren Futharks. In der ersten Staffel der Vikings werden immer wieder Schlüsselszenen mit Songs von Wardruna unterlegt, wie zum Beispiel der Überfall der Wikinger-Horde auf ein englisches Dorf, während die Gemeinde gerade eine katholische Messe abhält:



Wie die Originalmusik von Trevor Morris liefert das Stück („Fehu“) keine vordergründige moralische Wertung oder Einordnung der Szene. Der archaische Gesang des Chores und der tanzartige Charakter lassen dem Einfall der Wikinger eher wie ein spirituelles Ritual erscheinen, das mit drängender Unvermeidlichkeit und barbarischer Brutalität über das Dorf hineinbricht. Auch wenn man die spannungsgeladene Folklore von Wardruna kaum als authentische Wikinger-Musik bezeichnen kann, gelingt es ihr dennoch effektvoll, ein ungefähres Gefühl für das Zeitalter der Nordmänner um Ragnar Lothbrok zu vermitteln. Und das funktioniert in der ersten Staffel derart hervorragend, dass man die Zusammenarbeit in der Folge vertieft hat: Ab der zweiten Staffel wurde Einar Selvik zum gleichberechtigen Partner an der Seite von Morris befördert. Die elektronischen Klanglandschaften und die „analoge“ Folklore fusionieren dabei auf elektrisierende Weise. Einer der Höhepunkte der Kooperation, der „Battle of Brothers“, wurde von beiden später sogar zu einer eindrucksvollen Konzertsuite verarbeitet, die beim Filmmusik-Festival 2015 im polnischen Krakau uraufgeführt wurde:


Diese Fassung unterscheidet sich in der ambitioniert arrangierten Form zwar deutlich von der eigentlichen Vertonung. Die zweite Staffel ist dennoch voll von Momenten, in denen die energetische Folklore von Wardruna durchaus in vergleichbar effektvoller Weise mit der Musik von Trevor Morris kontrastiert. Man könnte natürlich spekulieren, ob die reichere musikalische Gestaltung quasi den Aufstieg Lothbroks zum „Earl“ und später zum König spiegelt. Das wäre dann aber vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen. Es dürfte nämlich schlichtweg das aufgrund des Serienerfolgs gestiegene Budget gewesen sein, welches den Komponisten mehr kreativen Spielraum gegeben hat.

Ohnehin macht es wenig Sinn, die musikalische Qualität der Vikings-Musiken allzu sehr zu überhöhen. Auch wenn es immer wieder Momente gibt, in denen die Fusion aus Folklore, Gesang und Sound Design eine mitreißende Wirkung entfaltet, handelt es sich über weite Strecken doch um eine eng mit den Bildern verzahnte Vertonung, bei der das von den Bildern losgelöste Hören wenig Sinn macht. Aber wie man auch immer über die musikalische Qualität  denken mag: Der eigenwillige Vertonungsansatz ist alles andere als dumm. Bild und Ton emanzipieren sich hier auf hochinteressante Weise von der Handlung. Wir sehen die Welt der Wikinger aus einer modernen Erzählperspektive, die von den Wert- und Moralvorstellungen unserer Zeit geprägt ist. Und die Musik von Trevor Morris und Wardruna unterstützt diesen Blickwinkel auf bemerkenswerte Weise.


(Die Filmmusiken zu den ersten drei Staffeln der Serie sind bei Sony Classical erschienen.)

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