„Wofür lohnt es sich zu leben, wenn die Wahrheit schon tot ist?“ – X – The Exploited

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Steht Kopf oder befindet sich zumindest in einer fatalen Schräglage. So suggerert es Károly Ujj Mészáros Thriller  X – the Exploited im Vorspann mit einem atemberaubend Kaleidoskop von Einstellungen der Metropole Budapest. Zu sakraler Musik kontrastieren raffiniert gespiegelte Scope-Aufnahmen der ungarischen Hauptstadt mit Szenen drastischer Gewalt. Ein die Zähne fletschender Hund, der gerade einen Mann zu Tode gebissen hat. Eine Frau, die aus dem Fenster stürzt (und visuell „nach oben fällt“). Ein junges Mädchen, das auf dem Schulhof einem anderen ins Gesicht schlägt. Eine nackte Frau, die einen älteren Mann mit einem Goldschläger von den Beinen holt. Alle diese Szenen haben miteinander zu tun, denn Budapest wird von einer Serie von Selbstmorden heimgesucht. Die Behörden möchten die Fälle – die nächste Wahl steht schließlich vor der Tür – am liebsten schnell zu den Akten legen. Nur die unter Panikattacken leidende Polizistin  Eva zweifelt an der vorschnellen Theorie der Freitode und wird deshalb schon einmal von dem an echter Aufklärung wenig interessierten Chef vor versammelter Mannschaft zusammengestaucht.

Doch auch an privater Front hat Eva Kämpfe auszutragen: Den Selbstmord des eigenen Mannes hat sie nie verwunden. Und das Mädchen vom Schulhof, das war ihre rebellische Tochter Josephine. Einmal sitzt die auf dem Dach der Schule und hält ein Schild hoch: „Wofür lohnt es sich zu leben, wenn die Wahrheit schon tot ist?“ steht da. Denn die Schulleitung schenkt lieber den Kindern aus reichem Hause Glauben als ihr, der unbeliebten Außenseiterin. Natürlich steht der Satz symbolisch für ein von Korruption und Rechtsruck gezeichnetes Land.  Und so stößt auch Eva im Zuge ihrer Ermittlungen auf eine Mauer des Schweigens und bringt sich und das Leben Josepines immer mehr in Lebensgefahr.

Wie schon Károly Ujj Mészáros skurriler Debütfilm Liza – The Fox Fairy besticht auch X – The Exploited durch seine extravagante visuelle Gestaltung, mit der es dem Regisseur gelingt, intensive Einzelszenen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Diese Abstraktion erzeugt eine eigenartige Distanz zum eigentlich hochspannenden Thriller-Plot.  Man mag sich dabei durchaus ein wenig an David Finchers Sieben erinnert fühlen, in dem es ebenfalls um mehr als eine bloße Mordserie ging. Doch X – The Exploited verfolgt eigene Wege. Während Sieben gesellschaftliche Dekadenz thematisiert, stellt Mészáros korrupte Machtstrukturen an den Pranger. Dazu taugt die mit Problemen überhäufte Polizistin Eva wenig als strahlende Hollywood-Heldin.  In ihr spiegelt sich viel mehr das große gesellschaftliche Dilemma im Privaten.

Károly Ujj Mészáros X- The Exploited ist als Psychothriller aufregend anders. Dies liegt ncht zuletzt an der eindrucksvollen audiovisuellen Gestaltung. Allerdings kann der eigentliche Verschwörungs-Plot nicht ganz mit der großartigen Kameraarbeit und der nicht minder effektvoll gestalteten Tonspur mithalten, gerät mehr zum die Handlung vorantreibenden McGuffin, als dass er die gesellschaftlichen Probleme Ungarn besonders tiefgründig verhandeln täte. Doch das tut der eindringlichen Wirkung des herausragenden Wettbewerbs-Beitrag aus Ungarn aber dennoch keinen Abbruch. Denn die Tiefe, die zutiefst pessimistische Grundstimmung, der Blick in ein von innen zerfressenes Moloch – der vermittelt sich hier vor allem durch die ausdrucksstarken Bilder.

(Reihe: Wettbewerb)

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