Westworld – Ramin Djawadi

Lebensechter Wilder Western ©HBO

Music for Loops – Musik für Schleifen: Jeden Tag aufs Neue werden die lebensechten Roboter im Vergnügungspark Westworld auf null gestellt. Die Erinnerungen getilgt. Vergessen ist der Vortag. Und jeden Tag aufs Neue kommen zahlende Gäste, um ihre Gewalt- und Sexfantasien an den Androiden auszuleben. Straflos versteht sich. Denn in der Theorie sind es ja „nur Maschinen“, die angeblich nichts fühlen können. In die Roboter einprogrammierte Geschichten, sogenannte „Storylines“, sollen den Besucher immer wieder verführen, sich auf das große Wildwest-Abenteuer einzulassen. Desperados jagen, in den Bürgerkrieg ziehen oder doch lieber den Tag im Bordell verbringen? Alles ist hier möglich. Und endet einer der Androiden einmal übel zugerichtet, wird er sogleich nachts in einem der Technik-Labors wieder zusammengeflickt. Ein neuer Tag beginnt und damit eine neue Schleife. Ein quasi endloser Kreislauf, den sich die HBO-Serie Westworld – loses Remake der gleichnamigen Dystopie von 1973 (damals mit Yul Brunner in der Hauptrolle) – als Ausgangspunkt nimmt.

Die Handlung startet allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem das Auslöschen der Erinnerung augenscheinlich nicht mehr fehlerfrei funktioniert. Die Maschinen werden sich der Schleifen („loopsgenannt) und aller Qualen, die sie in ihnen durchleben, immer mehr bewusst. Seltsame Fehlverhalten häufen sich. Zeitgleich kämpfen die Macher hinter den Kulissen um die Zukunft des Themenparks. Doch Besitzer, Programmierer als auch die Autoren der „Storylines“ verfolgen jeweils ihre ganz eigenen Interessen. Filmisch gesehen entstehen so bemerkenswerte Kontraste:  Einerseits inszeniert die Serie klassische Westerntopoi und zieht den Zuschauer schleichend immer tiefer in die eskapistische Fantasiewelt. Doch der harte Schnitt auf die grau-stählernen Laborräume des Parks entlarvt unweigerlich die Illusion. Plötzlich sehen wir den Betreibern dabei zu, wie sie mit  kaum verhohlenem Zynismus hinter den Kulissen die Strippen ziehen.

Roboter mit Gefühlen: Dolores (Evan Rachel Wood) ©HBO

Westworld betreibt ein enigmatisches Vexierspiel mit seinen Zuschauern. Das raffiniert verschachtelte Erzählen, das allegorische Spiel mit Identität und Realitätsebenen konstruiert ein herausforderndes Filmpuzzle, dessen Einzelteile sich erst am Ende von zehn Folgen wundersam zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Doch die Serie bietet mehr als das. Sie stellt zugleich spannende ethische Fragen: Ist es unmoralisch, wenn ein Mensch einen menschgleichen Roboter tötet, der nicht mehr als Maschine identifizierbar ist? Und was passiert in psychologischer Hinsicht mit Menschen, die ihre abgründigen Fantasien derart folgenlos ausleben können?

Eine spezielle Rolle in der Architektur der Filmwelt von Westworld fällt der Musik von Ramin Djawadi zu:  Sie muss die beiden Ebenen Wildwestwelt und Kontrollzentrale miteinander verbinden. Zu einem besonderen Kunstgriff greift Djawadi an der Nahtstelle zwischen den Welten: Ein mechanisches Klavier spielt im Westernsaloon  Instrumentalversionen illustrer Songs von Bands wie Soundgarden („Black Hole Sun“), den Rolling Stones („Paint it Black“ [¹]), The Cure („A Forest“) und nicht zuletzt Radiohead („Fake Plastic Trees“/“Motion Picture Soundtrack“/“No Surprises“). Es ist ein ironischer Fingerzeig, ein musikalischer Anachronismus in der fiktiven Westworld, der den Zuschauer subtil daran erinnert, dass alles nur Blendwerk, Teil eines bizarren Spiels, ist.

Das prägnante, entfernt an Game of Thrones erinnernde, Hauptthema führt die konzeptuellen Ideen der Serie bereits im Vorspann ein: Percussion und Gitarre stehen für den Wildwest-Topos. Die Minimalismen deuten die Loops an und das kühle elektronische Wummern im Hintergrund verweist auf die moderne Schaltzentrale hinter der Fassade des Vergnügungsparks. Das Klavier übernimmt dabei als Instrument gleich zwei Funktionen: Einerseits wie beschrieben als mechanisches Piano im Saloon, andererseits neben den Streichern als emotionales Zentrum in der entarteten gefühlskalten Filmwelt. Die Titelsequenz ist damit wegbestimmend für die filmmusikalische Konzeption. Djawadi führt hier bereits genau jene tragenden Elemente ein, die auch die Vertonung durchgängig bestimmen.

Macher hinter den Kulissen (Anthony Hopkins & Jeffrey Wright)
©HBO

Besonders reizvoll sind die stimmungsvollen Western-Piecen („Sweetwater“, „Nitro Heist“, „Pariah“) geraten. Sie orientieren sich zwar an üblichen Genre-Stereotypen. Doch haftet ihnen dabei stets etwas Künstliches an. Dies liegt an den  immer eine Spur zu glatten Arrangements und gleichzeitig den mehr oder minder auffällig eingestreuten elektronischen Klängen. Für den Zuschauer entsteht so ein nachhaltig irritierender Verfremdungseffekt. Einerseits ziehen Gitarre, Schlagwerk und Trompeten immer tiefer in die Westernwelt. Andererseits mahnt die synthetische Ebene in jeder Sekunde, dass dieser Illusion nicht oder eben nur sehr bedingt zu trauen ist. Zugleich werden die Western-Szenen geschickt mit den Teilen der Serie verbunden, die in den sterilen Kontrollräumen und Labors spielen („Online“, „Freeze All Motor Functions“ etc.). Hier regieren bizarre synthetische Klanggebilde und pulsierende Beats – Metapher für die digitale Maschinerie hinter der inszenierten Traumwelt. Je mehr sich mit dem Fortgang der Handlung die filmischen Ebenen mischen und sich Zusammenhänge herausbilden, umso mehr mischen sich auch die musikalischen Schichten. Dazu treten elegische Streichermelodien („Someday“, „Do they dream?“,“Memories“), die die ganz Tragik der Roboterexistenzen herausarbeiten. Die Maschinen „träumen“ von einer Zukunft, die ihnen lediglich einprogrammiert wurde und deshalb unerreichbar bleiben muss. Und so endet die Musik auch sinngemäß mit einer symbolträchtigen Träumerei: einem Klavierarrangement von Claude Debussys Rêverie.

Die detaillierte und konzentrierte filmmusikalische Gestaltung von Westworld ist eine große Überraschung. Ramin Djawadi hätte sie in dieser Form wohl kaum jemand zugetraut. Der gebürtige Duisburger fiel in der Vergangenheit vor allem mit eher grobschlächtigen Vertonungen im Action- und Fantasy-Genre auf. Seine thematisch gefällige Musik zu Game of Thrones war zwar bereits ein erster Lichtblick, konnte jedoch nicht durchgängig überzeugen. Mit Westworld hat er sich nun merklich gesteigert. Die Vertonung beeindruckt mit ihren prägnanten Themen und den reizvollen Arrangements bekannter Independent-Hits.  Sie fühlt sich auf herausragende Weise in die verschachtelten Serienwelten hinein und wird so selbst zu einem Teil des großen filmischen Puzzles. Das ist Musik in SchichtenMusic in Layers.


[¹] Eine orchestrale Variante des Songs begleitet zusätzlich eine „Shootout“-Szene.

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