„Träume in der Großstadt “ – Tehran, City of Love

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Die Suche nach der großen Liebe im Großstadt-Dschungel hat bereits unzählige Kinofilme inspiriert, die meist in großen Metropolen wie New York oder Paris spielen. Ganz anders der Episodenfilm Tehran, City of Love, den Ali Jaberansari in der Iranischen Hauptstadt spielen lässt: Im Zentrum steht das Leben dreier einsamer Seelen: Zum einen ist da Hessam, ein ehemaliger Bodybuilder, der in einem Fitnessstudio Senioren trainiert und nebenbei von der großen Kinokarriere träumt, als er für den neuesten Film des französischen Filmstars Louis Garrel gecastet wird. Am Empfang der Schönheitsklinik, die er zwecks Botox-Spritzen aufsucht, arbeitet Mina, die ihre Patienten mit Model-Fotos aus dem Internet heimlich zum Blind-Date lockt. Sie selbst hadert mit den Kilos auf der Wage, kann aber zu keiner Tüte Eiscreme nein sagen. Und dritter im Bunde ist der in sich gekehrte Wahid, der auf Beerdigungen tieftraurige Lieder singt, von einem Freund aber dazu ermuntert wird, auch mal bei einer Hochzeit aufzutreten, wo er eine lebenslustige Fotografin, eine Freundin Minas, kennenlernt. Alle drei eint die Sehnsucht nach dem großen Lebensglück und doch scheint ihr jeweiliges Leben zu stagnieren, so sehr sie sich auch abstrampeln.

Die Inszenierung verdeutlicht diesen Stillstand mit sorgfältig durchkomponierten Kameraeinstellungen, die die räumliche Architektur der Umgebung, z.B. die Rezeption der Schönheitsklinik in ihrer Statik wie ihrer präzisen Anordnung einfangen. Hier hat alles seinen festen Platz. Es ist ein Leben wie im Wartesaal, dass Hessam, Mina und Wahid führen. Der Mann, der Mina trotz ihres Übergewichtes bei einem der Dates endlich wahrnimmt oder der Filmregisseur – sie tauchen einfach nicht auf. Stattdessen ist der Alltag der drei Großstädter von wiederkehrenden Ritualen und Abläufen bestimmt. Doch auch der Versuch auszubrechen ist vom Scheitern bedroht. Minas neue Bekanntschaft bei einem Kurs für Singles entpuppt sich als verheiratet und die Fotografin, die Wahid neuen Lebensmut einhaucht, will in wenigen Wochen das Land verlassen.

Ali Jaberansari erzählt seine Großstadtgeschichten mit leisem bittersüßen Humor und im vollen Bewusstsein, dass sich nicht alle Hoffnungen erfüllen können. Die Sehnsucht nach Liebe und einem besseren Leben steht dabei natürlich auch symbolisch für ein Land, dass sich bis kurzem noch in einer Art Aufbruchstimmung befand. In jüngster Vergangenheit haben sich die internationalen Beziehungen zwischen Iran und der USA während der Präsidentschaft Donald Trumps dann doch wieder merklich abgekühlt. Dementsprechend liegen Hoffnung und Skepsis in Tehran, City of Love dicht beieinander, als ahnte Jaberansari bereits, dass das Märchen nur von kurzer Dauer sein könnte. Und Mina? Ihr einziger Trost bleibt am Ende ein überdimensional großer Plüsch-Teddybär.

(Reihe: Neues Internationales Kino)

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