The Revenant – Ryuichi Sakamoto & Alva Noto: „Die musikalische Leere der Natur“

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Wer im Internet nach der Filmmusik zu The Revenant – Der Rückkehrer sucht, stößt nicht gerade auf viele erhellende Informationen. Das erstaunt, denn der nach wahren Begebenheiten entstandene Film um den Trapper Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der sich im Jahr 1823 nach einem Bärenangriff schwer verwundet und von den Kameraden im Stich gelassen durch die Wildnis schlägt, war 2016 einer der großen Kritikerfavoriten und zwangsläufig in aller Munde. Am Ende erhielt er zwölf Oscar-Nominierungen (von denen er am Ende drei gewann), allerdings war die hochgelobte Musik von Riyuichi Sakamoto nicht darunter. Die Academy hatte sie im Vorfeld aufgrund der unklaren Beteiligung mehrerer Komponisten disqualifiziert – ein Eklat, der seinerzeit für viel Diskussionsstoff sorgte. Immerhin erhielt der Japaner eine Golden Globe-Nominierung und auch sonst viel Aufmerksamkeit im Feuilleton. Der Tagesspiegel berichtete, wie man „Di Caprio zum Klingen bringt“ und konzentrierte sich anschließend vor allem auf die Mitwirkung des Berliners Carsten Nicolai, der unter seinem Künstlernamen Alva Noto an der Seite von Ryuichi Sakamoto mitgewirkt und die elektronischen Anteile beigesteuert hatte. Darüber hinaus erfährt man über die Konzeption und Wirkung der Vertonung aber nur wenig. Sie wird zwar knapp als atmosphärisch und experimentell beschrieben. Ob das aber ausreicht, um einen Oscar zu rechtfertigen – wie es manch einer gerne gesehen hätte – darf dann doch bezweifelt werden.

Hilfreich in einer ersten Annäherung ist ein Interview mit Sakamoto zum Kinostart, der seine musikalische Herangehensweise wie folgt skizziert: „Es war meine Absicht etwas zu schreiben, was die spröde kalte Schlichtheit der Natur komplementiert. In gewisser Weise kann die Brutalität der Natur härter sein als alles was der Mensch erschaffen hat. Der Mensch kämpft gegen die Natur und verliert dabei letztendlich immer. Deshalb wollte ich, dass die Musik die Natur ergänzt und zu einer Erweiterung der harten aber unglaublich schönen Bilder wird, die Alejandro und seinem Team eingefangen haben.“ [1]. Sakamoto zitiert darüber hinaus als Vorbild den russischen Regisseur Andrei Tarkowsky: „Die Grenzen zwischen Musik und Geräuschen wurden verwischt, indem natürliche Klänge und Musik so stark interagieren, dass sie voneinander nicht mehr zu unterscheiden sind. […] Elektronische Musik muss von seiner chemischen Herkunft befreit werden, damit wir die primären Noten der Welt erhalten.“ Große Worte, die in erster Linie erklären, warum Nicolai als Co-Komponist für die elektronischen Anteile verpflichtet wurde. Der Künstler hat sich in der Vergangenheit nämlich vor allem durch seine Musik zu Kunstinstallationen einen Namen gemacht. Und genau um das Erforschen von Klangfarben geht es schließlich in The Revenant, wo die Musik einen akustischen Erfahrungsraum für die Naturkulisse der Rocky Mountains und den Überlebenskampf der Trapper erschaffen soll.

Die Vertonung schreibt also auf akustischer Ebene das Visuelle fort, ohne dabei einen konkreten Bezug auf Elemente der Handlung zu nehmen. Sie bleibt statisch und wirkt ebenso unverrückbar wie die schneebedeckten Berge.  Die Grenze zu den Naturgeräuschen bleibt aber nicht die einzige Trennlinie, die verschwimmt: Die Musik fühlt sich immer wieder in das Innenleben von Hugh Glass ein. Die lang ausgehaltenen hochfrequenten Töne lassen sich zum Beispiel als Sinnbild für den Schmerz und das lähmendes Entsetzen des verwundeten Trappers deuten.  Es gibt dazu Sequenzen mit warmer Streichermelodik, in denen die Vertonung die Perspektive des unmenschlich leidenden Protagonisten einnimmt und in gewisser Weise zum Teil seines Bewusstseinsstromes wird. Vor allem das einfühlsame, zugleich etwas statisch wirkende Hauptthema wird so zu einer „Insel der Menschlichkeit“ in der weitgehend karg gestalteten Klanglandschaft. Bestes Beispiel dafür ist das berührende Adagio in „Church Dream“, welches jene Szene begleitet, in der der halluzinierende Glass in einer Kirchenruine seinem verstorbenen Sohn wiederbegegnet. Aber auch das kammermusikalische Duett zwischen Cello und Klavier im „Revenant Theme“ setzt einen raren musikalisch Akzent in einer Vertonung, die ansonsten vorwiegend im Hintergrund verharrt.

Dass die Musik keinen Schritt weitergeht, als eine rein filmdienliche Atmosphäre herzustellen, wird bei aller Ambition aber zu einem Problem für den Film, weil dieser inhaltlich geradezu groteske Schwächen offenbart: Inarritu inszeniert Glass als unkaputtbaren Natur-Rambo, der in seinem Überlebenskampf jeder Logik und allen physikalischen Wahrscheinlichkeiten trotzt. Stundenlang im eiskalten Wasser überleben? Mit einem Pferd in die Tiefe stürzen und unversehrt in einem Baumwipfel landen? Diese Übertreibungen passen mehr zu den Qualitäten eines stählernen Superhelden als zu der vielschichtigen Figur eines prestigeträchtigen Arthouse-Dramas. Zwischen dem formalen Anspruch der aufwändigen audiovisuellen Inszenierung und dem letztlich stereotypen und vor Hollywood-Klischees strotzenden Survival- und Racheplot klafft eine bizarre Lücke. Dem sorgfältig durchdachten musikalischen Rahmen steht narrativ kein gleichwertiger Inhalt gegenüber. The Revenant will offenkundig existenzielle Fragen zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufwerfen, scheitert aber bereits im Ansatz, den zentralen Überlebenskampf seiner Hauptfigur glaubwürdig zu erzählen. Es wirkt ganz so, als könne sich der Film nicht so recht zwischen Kunstdrama und einem förmlich um Oscars bettelnden Starkino entscheiden. Und damit laufen die berauschenden Bilder ebenso in die Leere wie die meditativen Klänge der Tonspur. Kompositorisch bleibt die Vertonung aber gleichzeitig zu monoton und schlicht, um die entstandene Leerstelle zwischen formaler und inhaltlicher Gestaltung überzeugend mit Leben zu füllen.

Wenn dann am Ende von langen 156 Minuten die Lichter im Saal wieder angehen, reibt man sich deshalb verwundert die Augen. Ja, The Revenant bietet zweifellos betörende Naturbilder, beeindruckt mit seinen virtuos choreographierte Plansequenzen wie dem spektakulär in Szene gesetzten Indianer-Überfall gleich zu Beginn. Und natürlich verfügt der Film auch über einige wichtige gesellschaftskritische Ansätzen zu den Themen Rassismus und Selbstjustiz. Und nicht zuletzt leidet der für seine Leistung oscar-gekrönte Leonardo DiCaprio geradezu hinreißend in der Hauptrolle. Von einem kompletten Fehlschlag kann man bei The Revenant insofern kaum sprechen. Trotzdem wollen sich die vielen Einzelelemente aber nicht zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Und das ist auch ein Mit-Versagen der Filmmusik, die über eine gute Grundidee und viel experimentelle Klangtüftelei kaum hinausgeht. Sie gibt der der Handlung und den Bildern zwar großen Raum zur Entfaltung, eröffnet riesige Projektionsflächen. Sie verpasst es aber, den Film dort zu unterstützen, wo er es bitter nötig hätte. Und das hinterlässt am Ende bei allen Schauwerten nur ein seltsames Gefühl von Ratlosigkeit und Leere.


[1] „It was always my intention to write something that complements the stark, cold simplicity of nature. In a way nature’s brutality can be much stronger than anything created by man, man is always fighting against nature, and losing. So I wanted the music to complement nature, be an extension of the cold, hard, but incredibly beautiful images captured by Alejandro and his team.” [Quelle: https://thevinylfactory.com/features/the-revenant-ryuichi-sakamoto-alva-noto-interview/]

[2] „“The boundaries between music and sound were blurred, as natural sounds and music interact to the point were they are indistinguishable. (…) Electronic music must be purged of its ‘chemical’ origins, so that as we listen we may catch in it the primary notes of the world.” [Quelle: https://thevinylfactory.com/features/the-revenant-ryuichi-sakamoto-alva-noto-interview/]

[3] https://www.tagesspiegel.de/berlin/musik-zum-film-the-revenant-wie-man-dicaprio-zum-klingen-bringt/12989764.html

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