The Phantom of the Opera –
„Roy Budds letzte Filmmusik begeistert in Kiel“

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Orgel, Celesta, Cembalo und großes Orchester: Roy Budd taucht in seiner 1993 entstandenen Neukomposition den US-Stummfilm „The Phantom of the Opera“ (1925) in ein spätromantisches Klangbad, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Selbst erleben durfte der Komponist die Aufführung seines Werkes leider nicht mehr. Er verstarb, völlig verausgabt von der Arbeit, im Alter von nur 43 Jahren an einem Schlaganfall. Da war die Premiere nur noch wenige Wochen entfernt. Das geplante Konzert fiel ins Wasser und die Musik geriet daraufhin für lange Zeit in Vergessenheit. Zur Weltpremiere kam es auf Initiative von Budds Witwe Sylvia erst ein knappes Vierteljahrhundert später: 2017 wurde der Film im London Coliseum mit der Budd-Musik uraufgeführt. Die Reaktionen fielen euphorisch aus: Es sei das Meisterwerk in der filmmusikalischen Karriere des Jazzpianisten und seine „letzte große Komposition“ hieß es. Auch wenn derartige Superlative naturgemäß immer mit Vorsicht zu genießen sind, ist die Filmmusik eine echte Entdeckung, die ein neues Licht auf das Schaffen des Briten wirft.

In Kiel feierte Roy Budds „Phantom of the Opera“ Anfang Februar 2019 im Rahmen der „Con Spirito“-Reihe seine Deutschlandpremiere. Es ist ein besonderer Coup für den Generalmusikdirektor Georg Fritzsch, denn es handelte sich weltweit erst um die dritte Aufführung des Filmkonzertes überhaupt. Und so konnte sich in der Landeshauptstadt nun erstmals ein deutsches Publikum von der besonderen Strahlkraft der Vertonung Roy Budds überzeugen. Seine Musik tut nämlich etwas, was gute Filmmusik normalerweise nicht oder nur sehr bedingt tun sollte: Sie konzentriert sich ganz auf die Doppelung und Illustration des Leinwandgeschehens. Von der prachtvollen Ouvertüre über die schwelgerische Ballettmusik hin zum ominös-schillerenden Motiv für das entstellte Phantom gibt sie sich einem glühenden Pathos und einer schwelgerischen Tonsprache hin, wie sie bei aktuellen Kinoproduktionen undenkbar wäre. Und das erweist sich als richtige konzeptuelle Entscheidung. Denn die Inszenierung von 1925 verhandelt den beliebten Schauerroman von Gaston Leroux als eher schlichtes Melodram. Aus heutiger Sicht stechen deshalb in erster Linie Einzelszenen hervor: die Demaskierung des Phantoms oder sein gespenstischer Auftritt im roten Kostüm beim – damals eine Neuheit – in Technicolor gedrehten Maskenball. Ohne Tonspur würde das vermutlich recht altbacken wirken. Doch genau hier setzt Roy Budd mit seiner Arbeit an: Denn erst seine Musik erweckt die einfache Geschichte zum Leben. Sie intensiviert die Dramatik bis zum Siedepunkt, verbindet Szenen und lotet die Beziehung zwischen Phantom und Christine mit einem so eleganten wie bittersüßen Thema aus, dass man sogar an Wagners Tristan und Isolde denken mag.

Der betont opernhafte Gestus wird zur Triebfeder der üppigen Komposition. Wer Budds Musik in Verbindung mit den Bildern hört, kann sich nur schwer vorstellen, dass der Film von Rupert Julian bei seiner Entstehung einige Turbulenzen durchlief. Die Urfassung war dem Studio seinerzeit viel zu düster. Testvorführungen wurden einberufen. Es wurde umgeschnitten und schließlich wurden sogar einige weniger gruselige Szenen nachgedreht. Diese historischen Streitigkeiten merkt man den Film heute kaum an. Und das ist nicht zuletzt ein Verdienst der Vertonung, weil sie die heterogenen Einzelelemente zu einer schlüssigen Einheit zusammenschweißt. Viele moderne Stummfilm-Musiken versuchen auf Distanz zum Leinwandgeschehen zu gehen und setzen auf Verfremdungseffekte (siehe auch die Konzert-Kritik zu Panzerkreuzer Potemkin). Nicht so Budd. Er sinnt darauf, den Abstand zwischen dem Zuschauer und dem Film zu reduzieren, um der Wirkung auf das Publikum in den 20er Jahren möglichst nahe zu kommen.

Daniel Carlberg mit dem Philharmonischen Orchester Kiel

Und das scheint zu gelingen: Die Musik fließt, reißt in ihrer Klangpracht mit und lässt die Zeit vergessen. Doch dabei bleibt es nicht allein. So gibt es immer wieder pointierte Momente jenseits der reinen szenischen Illustration. Exemplarisch dafür ist eine Szene, in der Christine zum ersten Mal das Versteck des Phantoms im Kellergewölbe der Oper betritt: Das Spiel der Orgel mutet zunächst wie diegetische Filmmusik an. Doch die nächste Kameraeinstellung offenbart einen raffinierten Umgang mit den filmischen Ebenen: In Wahrheit ist es nämlich das Phantom, welches selbst am Klavier sitzt und das eigene Leitmotiv spielt. Für einige frühe Dialogszenen verzichtet Budd sogar ganz auf das Orchester und lässt allein das Cembalo erklingen. Damit betont er geschickt den Gegensatz von bürgerlicher Gesellschaft und dem schillernden Glanz des Opernhauses. Es sind solche liebevollen Details, die der Filmmusik neben der reichhaltigen Orchestrierung Tiefe verleihen und so manche Kitschfalle mühelos umschiffen lassen. Die künstlerische Integrität der Komposition kommt nicht von ungefähr. Für Roy Budd war „Phantom of the Opera“ ein großes Herzensprojekt. Und das konnte man in Kiel dank des gut aufgelegten Philharmonischen Orchesters und dem engagierten Dirigenten Daniel Carlberg in jeder Sekunde spüren. Bleibt nur zu hoffen, dass noch viele andere Konzerthäuser dem Kieler Vorbild folgen und den Stummfilm auf ihr Programm setzen werden. Die Musik hätte es auf jeden Fall verdient.

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