The Last Jedi – John Williams
„Die Dialektik von Gut und Böse“

Die alten Helden sind müde geworden. Zum Auftakt von The Last Jedi, dem achten Abenteuer im Star Wars-Universum, überreicht Rey dem zurückgezogen auf einer Insel lebenden Luke Skywalker dessen altes Lichtschwert. Doch der einst strahlende Held wirft die edle Waffe achtlos über die Schulter. Mit der Macht will der ergraute Jedi – Schatten seiner selbst – nicht mehr viel zu tun haben. Eine bemerkenswerte Geste für einen milliardenschweren Franchise, der sich mit dem vorangegangenen  The Force Awakens noch so viel Mühe gab, es ja allen Fans recht zu machen. Im Episode VIII ist von dieser Haltung nicht mehr viel übriggeblieben. Das Drehbuch erlaubt sich gleich mehrfach, die Erwartungen seines puristischen Stammpublikums zu unterlaufen: In einer Szene begibt sich Rey auf der Suche nach der Identität ihrer Eltern in eine heilige Höhle. Sie erreicht eine seltsam anmutende Spiegelkammer, stellt die drängende Frage und findet dann doch – für viele Zuschauer unbefriedigend – keine Antwort. Eine viel kritisierte Nebenhandlung auf einem dekadenten Casinoplaneten verläuft ebenso frucht- wie folgenlos, erzählt gleichzeitig aber überraschend kritisch von Kriegsgewinnlern, die ihr Geschäft damit verdingen, Waffen an beide Seiten zu veräußern. Und zu allem Überfluss eröffnet Johnsons Film auch noch die Diskussion um das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse, spekuliert wild, dass das Eine nicht ohne das Andere existieren kann.

Es sind Zwischentöne dieser Art, die The Last Jedi zwar nicht besonders tiefgründig verhandelt, die aber dennoch auf eine vormals im Franchise  kaum berührte Meta-Ebene verweisen. Und auch sonst gerät Rian Johnsons (Looper) Film zu einer bunt zusammengereimten Fantasterei mit unzähligen bizarren CGI-Kreaturen und einer überkandidelten, bisweilen ausschweifenden Erzählweise. The Last Jedi steht damit  im scharfen Kontrast zum geradlinigen, seltsam glattpolierten Vorgänger. Kein Wunder also, dass einige Fans „ihr“ Star Wars nicht mehr wiedererkannten und zornerfüllt gegen die Macher Sturm liefen, sogar allen Ernstes per Petition forderten, Episode 8 aus dem Kanon zu „löschen“. Soweit braucht man ganz gewiss nicht zu gehen. Im Gegenteil. Eher verdient Rian Johnson Respekt dafür, dass er sich für einen Film dieser Größenordnung etwas traut, dass er zumindest teilweise aus dem eng gesteckten Rahmen ausbricht. Und auch wenn er damit nicht in jeder Szene erfolgreich ist, so ist das doch immer noch besser als der zwar unterhaltsame, aber doch vergleichsweise ideenarme Vorgänger, der sich im Grunde nur als Remake vom 77er Star Wars mit leicht geänderten Vorzeichen entpuppte. Und in vielen Momenten bietet The Last Jedi dann doch alles, was ein Star Wars-Abenteuer auszeichnet: Lichtschwertduelle, das Auftreten liebgewonnener Figuren, rasante Weltraumschlachten und eine gute Prise Humor. Dazu natürlich einmal mehr die üppige Filmmusik von John Williams als narratives Bindeglied.

Der Altmeister, mittlerweile stolze 85 Jahre alt, überrascht mit einer vitalen, kraftvollen Vertonung, die sich erster Linie darauf konzentriert, die Leitmotive aus nunmehr 40 Jahren Star Wars-Geschichte Revue passieren zu lassen. Da es nur wenige neue Figuren gibt, ist auch die Anzahl frischer melodischer Akzente überschaubar. Das liebliche Thema für Rose, die ulkige Casino-Musik als Hommage an die „Cantina Band“-Sequenz aus Ep. IV und neue Motive für den verbitterten Luke Skywalker oder die verzweifelten Rebellen – sie alle bleiben letztlich mehr Randnotizen denn tragende Stützen der Komposition. Stattdessen rackert sich die vielgestaltige Partitur virtuos am etablierten Leitmotiv-Katalog der Sternenkrieger ab. Und da ist alles vertreten, was man erwarten kann: Hauptthema, Machtthema, Resistance- und Imperial March, dazu die Themen von Leia, Rey, Kylo Ren, Snoke, Poe sowie Yoda. Der punktgenaue Einsatz der Leitmotive kommt nicht von ungefähr: Rian Johnson habe die bekannten Themen bereits als Temp Track beim Drehen verwendet, ließ Williams jüngst in einem Interview verlauten. Was nach einer restriktiven Vorgabe klingt, entwickelt er jedoch zur Tugend, stellt  die Themen in bemerkenswerten Kontrasten gegenüber. Da stoßen in „Lesson One“ Rey- und Macht-Thema aufeinander oder Rose- und Resistance-Thema in „The Rebellion is Reborn“, dem furiosen Konzertstück von Last Jedi. Diese spezielle Dualität ist kein Zufall. Sie entspringt zugleich der Handlung, der zentralen Idee vom Gleichgewicht von Gut und Böse und natürlich der Konfrontation der Figuren, ob nun Reys Begegnung mit Luke Skywalker oder Kylo Ren bzw. Lukes Aufeinandertreffen mit Yoda („The Sacred Jedi Texts“) und Kylo Ren.

Man mag einwenden, dass die Filmmusik von The Jast Ledi als mittlerweile achte Episode im Franchise bei so wenig neuem Material nur geringen Repertoirewert besitzt. Tatsächlich ist diese Einschätzung nach so vielen Star Wars-Folgen, die Williams vertont hat, nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn musikalisches Neuland wird hier erwartungsgemäß nicht beschritten. Und doch erhebt die sorgfältige Ausgestaltung The Last Jedi weit über einen altersmüden Routinejob. Viel mehr als der unmittelbare Vorgänger ist The Jast Ledi eine ungemein dichte, reichhaltige Komposition, in der Williams mit täuschender Leichtigkeit die zahllosen Erzählfäden musikalisch zusammenhält, ohne dabei jemals den Bogen zu überspannen. Für eine vor allem auf bekannte Themen aufbauende Musik klingt The Last Jedi sogar überraschend frisch.  Dies liegt an der schier unbändigen Liebe zum Detail. Das ulkige (und nur einmal auftauchende) Motiv für die knuffigen Weltraumpferde in „The Fathiers“ etwa oder die düster-dissonant begleiteten Selbst-Reflektionen Reys in „The Cave“ oder „Who are you?“ sind nur drei Beispiele dafür. Und einen ganz besonderen Einfall hat sich Williams für das glanzvolle Finale aufgehoben: Das beginnt mit einem miniaturhaften Zitat des Hauptthemas, gespielt von Harfe, Celesta und Flöte. Im Film sehen wir dazu die Rebellen von Morgen mit feuchten Augen sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blicken, genauso wie einst Luke Skywalker in „A new Hope“. Die Zukunft der Sternenkrieger scheint also gesichert: An Nachwuchs-Helden mangelt es jedenfalls nicht. Dazu ein paar frische Bösewichte von der dunklen Seite der Macht und die spezielle Dialektik der letzten Jedi erhält ihre unvermeidliche Fortsetzung.  Gute Nachrichten also für den nimmermüden Franchise im Zeichen der dollar-hungrigen Mickey Mäuse.


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