The Curious Case of Benjamin Button – Alexandre Desplat

Das Spiel mit der Zeit, ihrer Vergänglichkeit und scheinbaren Verdichtung bzw. Verlangsamung war bereits ein bestimmendes Handlungskonstrukt im Filmdrama The Hours (2002) von Stephen Daldry, in denen die Minimalismen von Philip Glass einen zeitlosen Schwebezustand suggerierten und die in verschiedenen Epochen spielenden Handlungsstränge um die Schriftstellerin Virginia Woolf raffiniert miteinander verbanden. Auch der Franzose Alexandre Desplat spielt in seinen Partituren gerne mit minimalistischen Elementen: Ob nun in The Queen (2006) nach dem Tod von Prinzessin Diana das öffentliche Leben geradezu stillzustehen scheint und die Musik dazu ein Gefühl von Zeitlosigkeit vermittelt. Oder im mysteriösen Drama Birth (2004), wo ein kleiner Junge für eine kurze Zeitdauer der wiedergeborene Ehemann einer Witwe sein könnte, und die Musik in ihren zirkulierenden, repetierten Klangfiguren wirkungsvoll mit der Idee des Wiederkehrens spielt. In David Finchers Der seltsame Fall des Benjamin Button – The Curious Case of Benjamin Button wird die Hauptfigur (gespielt von Brad Pitt) nun als Greis geboren und im Verlaufe seines Lebens immer jünger. Und wiederum arbeitet Desplat mit minimalistischen Strukturen, die quasi als Taktgeber für das Vergehen der Zeit dienen. Doch entsprechend der Natur des Filmes – erzählt wird schließlich die Geschichte eines ganzen Lebens – hat er die Partitur in diesem Fall stärker episodenhaft gestaltet. Es ist bei den ersten Hördurchgängen eine vielleicht etwas blass wirkende, nur scheinbar ohne Höhepunkte vor sich hin plätschernde Vertonung, die zunächst möglicherweise auch daran krankt, dass sie keinen auf Anhieb mitreißenden melodischen Einfall zu bieten hat. Zudem entfernt sie sich stilistisch nicht sehr weit von vorangegangen Desplat-Arbeiten wie den genannten zu Birth oder The Queen.

Doch die Komposition allein auf diese Schwächen zu reduzieren, täte ihr Unrecht: Sie ist bewusst zurückhaltend angelegt, erfordert viel Aufmerksamkeit und Ruhe vom Hörer. Auch wenn es durchaus übergreifende Themen und Motive gibt, reihen sich vor allem kleine, liebevoll gestaltete Orchesterminiaturen für einzelne Episoden im Leben Benjamin Buttons aneinander. Es sind kleine Kabinettstückchen, die Desplat hier geschaffen hat: zum Beispiel das wunderschön ausladende Spiel der Streicher in „Meeting Again“, das verspielte – asiatisch anmutende – Klangidiom in „Little Man, Oti“ oder das tänzerische „Daisy’s Ballet Career“. Als besondere Stärke der subtilen Komposition erweist sich bei allen diesen Stücken die feinsinnige, abwechslungsreiche Instrumentierung, in der Desplat das Funkeln und Glitzern von Harfe, Celesta, Cymbalom sowie Glockenspiel reizvoll mit Soli von z.B. Cello, Bratsche und Klavier verbindet. Die Musik entfaltet ihre volle Wirkung nach und nach. Dann kristallisiert sich auch erst das feingliedrige Panoptikum motivischer Einfälle heraus, welches die Partitur durchzieht. Die zwei wichtigsten, das Hauptthema für Benjamin Button und das Liebesthema, stechen besonders hervor. Desplat hat die Themen zum Teil so gestaltet, dass die Noten auch rückwärts gespielt werden können – eine bei der Thematik des Filmes so naheliegende wie bemerkenswerte Idee – die freilich beim Hören allerdings weniger entscheidend ist, als vermutlich beim eingehenden Studium der Partitur. Die Subtilität der Musik erweist sich – auch wenn sie auf CD mit über einer Stunde eine Spur zu lang geraten ist – als nachhaltige Stärke, die lyrische und einfühlsame Tonsprache als der Vorlage vollauf angemessen. Im Fließenden, Kreisenden, sich ins Ungewisse Verlaufenden findet sich zugleich eine pointierte musikalische Versinnbildlichung der Filmhandlung: Am Ende ist Button nämlich zu einem Baby geschrumpft und verschwindet im Nichts. Wie auch die Musik. (mr)


Anmerkung:
Die Filmmusik wurde als Doppel-CD veröffentlicht. Die erste CD enthält die vorgestellte Originalkomposition von Alexandre Desplat, die zweite umfasst Songs und Dialoge aus dem Film.

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