The Cloverfield Paradox – Bear McCreary:
„Verloren im Franchise“

BEM! Cleveres Marketing ist alles. Auf keine Reihe trifft das so zu wie die der Cloverfield-Filme. Was 2009 noch mit Wackel-Kamera und viel Mundpropaganda als Sensationserfolg begann, wurde 2016 mit 10, Cloverfield Lane raffiniert weitergesponnen. Stand im ersten Teil noch der Angriff Außerirdischer im Zentrum, startete der Nachfolger als klaustrophobischer Psychothriller, dem auf den ersten Blick nichts mehr mit dem Vorgänger verband. Mit The Cloverfield Paradox nähert sich der Franchise, angelegt als spekulatives Endzeitszenario, seinem Grundthema abermals aus einer anderen Perspektive: In nicht weit entfernter Zukunft neigen sich die Energiereserven der Erde bedrohlich dem Ende zu. Zeitgleich werkelt  auf einer Raumstation eine multinationale Crew an einer neuen innovativen Energiequelle, die die Versorgungsprobleme der Menschheit mit einem Schlag lösen soll. Doch das ambitionierte Experiment schlägt fehl und die Astronauten sehen sich plötzlich unerklärlichen Zeit-Raum-Phänomenen gegenüber. Die Spannungen im Team wachsen. Jeder beschuldigt den anderen der Sabotage. Die Situation eskaliert.

Das klingt auf dem Papier eigentlich nach einer vielversprechenden Prämisse für raffiniertes Science-Fiction-Kino mit gesellschaftskritischem Anstrich. Doch die Ereignisse  in The Cloverfield Paradox wirken derart willkürlich arrangiert, dass nur selten Spannung aufkommt. Zu gesichtslos und oberflächlich plündert sich der Reißer durch die üblichen Klischees des Science-Fiction Kinos, zitiert die Granden des Genres von Alien bis Star Trek und fühlt sich doch nur wie zweite Wahl an. Dabei mangelt es nicht zuletzt an Entwicklung im Franchise selbst. Über die nunmehr drei Filme wird kein echter narrativer Bogen gespannt und die ominöse Geheimniskrämerei verpufft immer mehr in einem großen gigantischen Nichts. Wäre The Cloverfield Paradox auf normalem Wege in die Kinos gekommen, hätte es vermutlich vernichtende Kritiken gehagelt. Die Produzenten, die trotz erfolgter Nachdrehs angeblich selbst äußerst unzufrieden mit dem Endergebnis waren, kamen dem aber zuvor. Sie veräußerten kurzerhand die Ausstrahlungsrechte. Beim alljährlichen Mega-Event des  Superbowl-Finales im Frühjahr 2018 schalteten sie in den USA einen Werbespot mit der Ankündigung, der Film würde mit sofortiger Wirkung seine Premiere bei Netflix feiern. Ein ausgeklügelter Schachzug für den Verleih und zugleich ein exklusiver Clou für den Streaming-Anbieter. Eine klassische Win-win-Situation also. Die Rechnung ging auf: Noch bevor sich die Meute der Kritiker auf den Film stürzen konnte, war er bereits in aller Munde und quasi für jedermann weltweit verfügbar. Darüber hinaus stieß The Cloverfield Paradox als direkt ins Fernsehen gewanderte Produktion zwar auf ein geteiltes, insgesamt aber doch überraschend nachsichtiges Echo.

Als einer der wenigen positiven Aspekte der Produktion wurde die Musik von Bear McCreary hervorgehoben. Doch selbst sie krankt daran, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, als die Unentschlossenheit der Vorlage zu spiegeln. Die stereotyp gezeichneten Figuren, das unverhohlene Bedienen bei filmischen Vorbildern, der Mangel an Dramaturgie und das einmal mehr völlig offene Ende geben der Vertonung keine Richtung vor. Wer den konzeptuellen Feinsinn von 10, Cloverfield Lane erwartet, wird deshalb bitter enttäuscht. Die Ouvertüre ist dafür geradezu symptomatisch: Das einfallslos stampfende Schlagwerk, das banale Streicherostinato – sie täuschen Bedeutung vor, wo keine ist.  Da hilft es auch wenig, dass McCreary ansonsten durchaus kompetent die Schock- und Staun-Momente der Handlung nachzeichnet. Doch es bleibt allein bei wenig eigenständigen Stilkopien unzähliger Genre-Vorbilder aus Horror- und Science-Fiction. Man mag da an die Alien-Musiken von Goldsmith bis Goldenthal denken oder auch an einschlägige Kost von Christopher Young.

Und selbst das könnte getreu dem Motto „gut geklaut ist halb gewonnen“ vielleicht sogar funktionieren, würde McCreary besser mit den musikalischen Mitteln haushalten und einen zwingenden musikdramaturgischen Bogen spannen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Auf der Tonspur entpuppt sich das neue Cloverfield-Spektakel als überbordender, geradezu beliebig wirkender Stilmix. Da kaskadieren Streicher, Blech und Schlagwerk zu dramatischen Ausbrüchen, ertönen die ewig gleichen Streicherostinati, um die Handlung voranzutreiben. Und wenn es lyrisch wird, raunt der Chor schicksalsergeben. Durch den Mangel an narrativer Struktur und prägnanten thematischen Einfälle, lässt das alles aber seltsam kalt. Am besten funktionieren da noch die ruhigen Stücke der Komposition wie das elegische „A Message for Ava“, in dem sich Streicher, Chor und Blech zu einer etwas rührseligen, aber majestätischen Melodie aufschwingen.  Und  doch ist auch hier der Mangel an Kontrast wie Subtilität das große Problem. Es entwickelt sich nichts, es sticht nichts heraus und es entsteht  auch keine knisternde Atmosphäre. McCreary mag man dafür entschuldigen, denn die Vorlage gibt schlichtweg wenig her. Das ändert aber trotzdem wenig an der Tatsache, dass die Überwältigungsstrategie von The Cloverfield Paradox  filmisch wie musikalisch in die Leere läuft. Und da hilft dann auch keine ausgeklügelte Marketingstrategie mehr. Am Ende bleibt nur das seelenlose BEM! der Ouvertüre zurück.

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