The Boy in the Striped Pyjamas – James Horner

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Mit der Der Junge im gestreiften Pyjama gelang dem britischen Schriftsteller John Boyne 2007 ein außergewöhnlicher Bestseller: Die als beklemmende Fabel für Heranwachsende angelegte Geschichte erzählt von einem unbedarften neunjährigen Jungen namens Bruno, der mit seiner Familie – sein Vater ist ranghoher Offizier der NS – in die Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz zieht. Der Junge freundet sich auf einem seiner Erkundungzüge durch die neue Umgebung am Zaun des Lagers mit einem gleichaltrigen jüdischen Jungen an und stellt dabei fest, dass das vom Vater propagierte Feindbild so gar nicht mit der Realität übereinstimmt. Das Besondere des Buches ist dabei die konsequent eingehaltene kindlich-naive Perspektive, aus der Boyne erzählt. Am Anfang der bewusst mit einem märchenhaften Gestus behafteten Geschichte weiß der Junge von seinem Vater lediglich, dass dieser ein wichtiger Soldat im Dienst des „Furors“ ist und der Umzug nach „Aus-Wisch“ stattfinden soll. So erschließen sich Ort und Zeit der Handlung dem Leser erst nach und nach (bewusst wurde deshalb beim Buch auf einen die Handlung vorwegnehmenden Klappentext verzichtet).

Die nur ein Jahr später in den USA entstandene Verfilmung unter der Regie von Mark Herman gelingt es leider nur teilweise, diese besondere literarische Konstruktion adäquat in eine filmische Form zu übertragen. Bereits das Drehbuch begeht drei kapitale Fehler, die zwangsläufig zu einer Verflachung der Vorlage führen: Zum einen verortet es mit der ersten Kameraeinstellung den Film in der NS-Zeit. Zum anderen verlässt es gleich mehrfach die kindliche Sichtweise des Buches. Am schlimmsten wirkt sich aber aus, dass das Märchenhafte der Fabel, welches über die offenkundigen historischen Bezüge hinaus keinen echten Anspruch auf hundertprozentige Realitätsnähe besitzt, im Film fast komplett verloren geht. So wirkt dieser in Teilen insbesondere dort unglaubwürdig und plakativ, wo sich das Buch genau diesem Anspruch entzieht. Erzählt Boyne eine Fabel für Jugendliche, um diese behutsam an das Thema Holocaust heranzuführen, wird die Leinwandversion gleich zum ernsten Geschichtsdrama für Erwachsene aufgebläht. Vor allem das mit großer emotionaler Wucht inszenierte Finale verfehlt zwar nicht seine beklemmende Wirkung, hinterlässt aber in seiner manipulativen Melodramatik einen unangenehmen Beigeschmack.

Kurioserweise ist es die träumerische Filmmusik von James Horner, die das Kindliche der Vorlage zumindest ein kleinwenig bewahrt. Im Mittelpunkt seiner intimen Vertonung steht das von ihm persönlich gespielte Klavier als Soloinstrument, dass um ein kleines Streicherensemble, zwei Oboen und zwei Hörner in der Besetzung (vgl. [1]) angereichert wird. Das elegante Hauptthema, das gleich im ersten Stück der Komposition vorgestellt wird, ist allerdings nicht neu, sondern bereits aus Horners Swing Kids (kurioserweise ebenfalls ein zur NS-Zeit spielendes Drama) von 1993 (vgl. dort das Stück „The Letter“) bekannt. Doch das Selbstzitat lässt sich hier durchaus verzeihen, denn das feinsinnige, klassizistische Arrangement für Soloklavier in Begleitung von Streichern präsentiert es in einer besonders attraktiven Variante. Interessant hier auch die Wirkung mit den Bildern: Hermans Film zeigt den jungen Bruno in der Eröffnungssequenz („Boys Playing Airplanes“) wie er und seine Freunde – mit ausgebreiteten Armen Flugzeuge nachahmend durch die Straßenzüge von Berlin rennen. Im Hintergrund sehen wir fast beiläufig, wie jüdische Häuser beschlagnahmt und ihre Bewohner deportiert werden. Horners Musik nimmt darauf jedoch keinen Bezug, sondern untermalt mit ihren munteren Klavierläufen allein die spielenden Kinder und ihre noch naive, unbekümmerte Perspektive. Über dem Abspann („Remembrance, Remembrance“) erklingt das Thema dann später in einem deutlich melancholischeren Arrangement, nur auf dem Klavier und ohne Begleitung. Hierbei handelt es sich quasi um einen Abgesang auf die verlorene kindliche Unschuld (dies ist übrigens ein Beispiel für ein Handlungsdetail, welches nur in der Fabel funktioniert, da in der Realität ein Neunjähriger insbesondere als Sohn eines NS-Offiziers zweifellos viel stärker durch die NS-Propaganda in der Hitlerjugend indoktriniert gewesen wäre als es Bruno zu Beginn der Handlung ist).

Der Hauptteil der Musik bildet ein seltsames Kuriosum: Zwar gelingt Horner eine im Bildbezug besonders einfühlsam wirkende, subtile Vertonung, die in ihren verträumten, sphärischen Stimmungsmalereien einige Hörreize entfaltet. Geschickt zieht er das Hauptthema durch die Partitur, spielt mit Vokalisen und erzeugt mit dem Einsatz synthetischer Klangflächen eine entrückte, fast unwirkliche Atmosphäre. Doch die Mittel, derer er sich dabei bedient, sind nicht neu: In den im Wald spielenden Szenen vertraut Horner auf pastorale Klanggebilde, wie er sie bereits in Der Mann ohne Gesicht und insbesondere Die Geschichte vom Spitfire Grill in ganz ähnlicher Manier eingesetzt hat, um nur zwei von vielen Parallelen zu nennen. Das Unvermeidliche kommt schließlich im Stück „The Funeral“: Völlig aus dem nichts zitiert er plötzlich das abgedroschene Gefahrenmotiv, welches der Hörer mittlerweile aus Dutzenden von Horner-Musiken kennt. Interessant wird es erst wieder mit dem tragischen Finale des Films, dem Horner im knapp zehnminütigen „Strange New Clothes“ mit einer immer bedrohlicher werdenden Streichelegie begegnet (angelehnt übrigens an „Conjuring the Hick Vote“ aus Das Spiel der Macht). Diese kulminiert am Ende in einem flirrenden Streicherspiel, welches durch die hohen Töne sowohl die Musik als auch die Handlung des Filmes sekundenlang geradezu „erstarren“ lässt und somit dem lähmenden Entsetzen des Finales eine musikalische Form gibt. In diesem Stück löst sich Horner merklich von der zarten Subtilität, die seine Vertonung vorher auszeichnete. Stattdessen unterstreicht er das Hochemotionale und Melodramatische der Schlußsequenz und trägt damit viel zur (weiter oben beschriebenen) zwiespältigen filmischen Wirkung bei – so effektvoll die Szene an sich auch vertont ist.

Differenzieren muss man auch beim abschließenden Urteil über die Musik. Wie so oft bei James Horner in den vergangenen Jahren wirkt sie im Film weitaus besser als ohne ihn. Wie kaum ein anderer Komponist verwendet der Amerikaner wieder und wieder Themen und Motive früherer Arbeiten und greift stets auf ähnlich instrumentierte Vertonungsschemata zurück. Dieser Umstand bildet auch das zentrale Problem der Vertonung zu The Boy in the Striped Pyjamas. Allerdings ist es die geschickte und ambitionierte Konzeption, die das das gehobene Déja-vu-Erlebnis zwar nicht vergessen macht, aber doch zumindest etwas in den Hintergrund treten lässt. Gerade das mehrmalige Hören offenbart eine überraschend stimmungsvolle und über weite Strecken angenehm unprätentiöse Komposition, die interessanter ist als vieles, was Horner zuletzt geboten hat.

[1] vgl. „Composers cautious with Holocaust films“ (Jon Burlinghame, www.variety.com/17.11.2008)

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