Tag 4: Ein Papst auf Abwegen

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Vierter Tag des Filmfest: Neben dem Eröffnungsfilm, standen das Mammut-Filmkonzert zu Fritz Langs Die Nibelungen auf dem Programm: Knapp viereinhalb Stunden Film mit der ersten Filmmusik von Gottfried Huppertz (Kritik folgt).

Habemus Papam (Italien 2011)

Was passiert, wenn ein Staatsführer oder ein religiöser Würdenträger sichhabemuspapam beim Amtsantritt verweigert, der Aufgabe nicht gewachsen fühlt? Dieser Frage geht der italienische Regisseur Nanni Moretti in seinem Film Habemus Papam nach. Dafür hat er sich niemand Geringeren als das Oberhaupt der katholischen Kirche ausgewählt. Weißer Rauch ist aus dem Vatikan aufgestiegen, doch der neu gewählte Papst (Michele Piccoli) schreckt davor zurück, sich den Gläubigen auf dem Markusplatz zu präsentieren. Die Konklave endet darum nicht und Niemand darf die Mauern des Vatikans verlassen. Eigentlich. Denn nur kurze Zeit später ist der neue Papst plötzlich verschwunden.

Wenngleich Nanni Moretti einigen Aufwand betreibt, einen fiktiven Blick hinter die Fassaden des Vatikans zu werfen, so kreist sein Film in erster Linie doch um Themen der Identität und Identitätsfindung, die sich problemlos auch auf andere Lebenskontexte übertragen lassen. So nimmt sich das Drehbuch auch einige Freiheiten im Porträt der Kardinäle, die sich wartend mit Kartenspielen oder Volleyball die Zeit vertreiben. Das mag mit der Realität wenig zu tun haben, spricht umso mehr aber für den parabel-haften Charakter der Handlung, wofür auch der Verweis auf Anton Tschechows Drama Die Möwe steht, das ein Theaterensemble, auf welches der zweifelnde Papst in Rom trifft, gerade probt. Das Bühnenstück ist selber eine Reflexion auf die menschliche Existenz. Und um eben dieses Thema kreist Habemus Papam.

So erscheint es zugleich kurios und fehlgeleitet, dass die katholische Kirche angesichts des hadernden Papst-Porträts zum Film-Boykott aufrief. Ein zweifelnder Papst – dass kann man seinen Gläubigen offenbar nicht zumuten. Schade, denn der einfache, mit leisem Humor erzählte Film ist vor allem eines – zutiefst menschlich. Auch wenn Moretti mit Habemus Papam in Teilen üppiges, schön bebildertes Ausstattungskino inszeniert, so spielt dieser überhöhte Kontext für die existentiellen Fragen, die er diskutiert, eigentlich kaum eine Rolle. Die Probleme eines Papstes können auch die eines jeden Menschen sein, scheint Moretti ausdrücken zu wollen. Das macht einerseits den Reiz seines Filmes aus, bietet jedoch auch genügend Raum für Fehlinterpretationen. Vielleicht liegt in dieser problematischen Konstellation auch die größte Schwäche der nachdenklichen Komödie.

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