Tag 2: Unerreichte Ziele und schräge Esten

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8 (Frankreich 2008)8

Acht Ziele haben die Vereinten Nationen zum Millennium für das Jahr 2015 ausgegeben: 1. Bekämpfung extremer Armut und Hunger, 2. Primärschulbildung für alle, 3. Gleichstellung der Geschlechter, 4. Senkung der Kindersterblichkeit, 5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter, 6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten, 7. Ökologische Nachhaltigkeit, 8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung (Quelle: Wikipedia). Grund genug also, nach acht Jahren eine kritische Zwischenbilanz zu ziehen. Die liegt nun mit der Kurzfilmsammlung 8, zu der bekannte Regisseure wie Mira Nair, Wim Wenders, Gus van Sant, Gaspar Noé und Jane Campion beitrugen, auf Zelluloid vor. Jeder Filmemacher hatte völlig freie Hand, seine Sicht zu einem der acht Ziele filmisch umzusetzen. Die Ergebnisse sind qualitativ unterschiedlich. Die kleine Tiya aus Äthiopien reflektiert so einfach wie einleuchtend gleich in der ersten Episode (Tiya’s Dream) das Ziel, Armut und Hunger zu bekämpfen: „Ich glaube nicht daran. Menschen teilen nicht gerne“. Vielleicht ist damit schon alles Nötige gesagt. Die nachfolgenden Beiträge mühen sich mal mehr, mal weniger eindringlich daran ab, das Publikum zur Anteilnahme bzw. zum Handeln zu bewegen. Dabei bleiben der monotone Monolog eines HIV-Kranken aus Burkina Faso im Beitrag von Gaspar Noé oder die eingeblendeten Texttafeln zur Kindersterblichkeit im Film von Gus van Sant mit ihrem erhobenen Zeigefinger vor allem gut gemeint. Besser macht es Jane Campion, die in ihrem poetischen Film eindringlich das Schicksal einer Familie in Australien schildert, die durch extreme Dürre um ihre Existenz bangen muss. Auch die „Geschichte von Panshin Beka“ von Jan Konen, die das Schicksal einer gebärenden Frau am Amazonas in Peru schildert, gerät in ihrer dokumentarisch wirkenden Inszenierung besonders beklemmend. So vereinen sich die acht redlich bemühten Kurzfilme am Ende dann doch noch zu einem sehenswerten Kaleidoskop zu den Problemen unserer Erde.

corazondeltiempoCorazón del tiempo (Mexiko 2009)

Eine einfache Liebesgeschichte zwischen dem Dorfmädchen Sonia und einem zapatistischen Kämpfer erzählt Alberto Cortès in seinem Film Corazón del tiempo (deutsch: „Herz der Zeit“). Die indigene Bevölkerung kämpft in Mexiko gegen Repressionen der Regierung für ihre eigene Unabhängigkeit, den berühmten Revolutionär Emiliano Zapata als Vorbild. Vor diesem Kontext erzählt der Film die idealisierte Romanze zwischen Sonia und dem in den Bergen lebenden Rebell, dem sie sich am Ende aus freien Stücken anschließt. Auch wenn Cortès einen halbdokumentarischen Inszenierungsstil gewählt hat, der das Dorfleben in der Kommune und die Arbeit der Rebellen in ruhigen Bildern beobachtet, stellt sich dennoch die Frage, wie stark der Freiheitskampf hier romantisiert und verklärt wird. So entsteht zwangsläufig ein seltsamer Kontrast zwischen der rührend naiven Liebesgeschichte und dem komplexen politischen Kontext der Filmhandlung. Politische Agitation oder doch ein glaubwürdiger Einblick in den ehrenwerten Kampf der Zapatas? Diese Frage lässt sich so ohne weiteres nur schwer beantworten.

wishtreeThe Wish Tree (Estland 2008)

Sind alle Esten so verrückt? Diese Frage stellt sich unweigerlich nach dem Ansehen des Debütfilms der Estnischen Regisseurin Liina Paakspu, der wohl als einer der Favoriten im Wettbewerb um den Publikumspreis, den Heinrich, gelten darf. Erzählt wird die Geschichte der jungen Liina, die vom Dorf in die Hauptstadt Tallinn geht, um dort einen Job zu finden. Kurzerhand zieht sie bei ihrer Cousine Ave in einem heruntergekommenen Wohnblock ein. Die Arbeitssuche gestaltet sich jedoch schwierig, bis sie sich in den Automechaniker Mel verliebt.

Es wäre eine Schande, alle kuriosen bis haarsträubenden Details in diesem wunderbaren Film, der irgendwo zwischen Märchen und Sozialdrama angesiedelt ist, zu verraten. Die Figuren, die den Mikrokosmos der von Liina Paakspu erdachten Filmwelt bevölkern, lassen die Royal Tenenbaums vergleichsweise normal erscheinen. Der Clou: Die Charaktere sind nicht ausgedacht, sondern die Inspiration für sie erhielt die Regisseurin aus Zeitungsartikeln, aus ihrem Umfeld usw. Es ist die Fülle an spleenigen Einfällen, die The Wish Tree auszeichnet. Es ist ein sonderbarer, aber auch besonderer Film, den sich alle, die gerne wissen wollen, wie man eine Toilettenspülung in ein Waschbecken integriert oder wie Motivationstraining in Estland funktioniert, nicht entgehen lassen sollten.

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