Sunset Boulevard – Franz Waxman (Neueinspielung)

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Billy Wilders Sunset Boulevard – Boulevard der Dämmerung von 1950 ist ein abgründiger und lakonisch-grotesker Blick hinter die glänzende Fassade Hollywoods. In einer Art düsteren Fassung des Musicals Singin‘ in the Rain erzählt das Drama von einstigen Star der Stummfilmära, Norma Desmond, deren Ruhm Anfang der 50er Jahre längst verblasst und beinahe in Vergessenheit geraten ist. Die exzentrische, aber erschreckend einsame Diva (famos gespielt von Gloria Swanson, selbst ehemalige Ikone der „Silent Movies“) lebt in einem luxuriösen, palastartigen Anwesen am titelgebenden „Sunset Boulevard“. Dorthin verirrt sich der erfolglose und in Finanznöten steckende Drehbuchautor Joe Gillis. Er wird von der alternden Desmond umschwärmt und soll ihr desaströses Skript „Salomé“ für einen Comebackversuch überarbeiten. Immer mehr wird Gillis in die Scheinwelt, den Abglanz einer längst vergangenen Zeit hineingezogen. Es ist eine Welt der Vergessenen, aus der es kein Zurück mehr für ihn gibt.

Wilders Film ist eine bissige Abrechnung mit der Traumfabrik, zeigt aber auch großes Mitgefühl mit der tragischen Hauptfigur der Norma Desmond. Sie wird zwar als eitle, exaltierte Diva in ihrer ganzen Hässlichkeit charakterisiert, aber das brillante Buch spart ihre Einsamkeit und das Unglück ihrer unerfüllten Liebe nicht aus. Ihre Unfähigkeit, sich damit abzufinden, dass ihr Ruhm unwiederbringlich vergangen ist, lässt sie nicht zu einem normalen Leben zurückkehren und bedeutet letztlich ihren Ruin, in dessen Strudel sie Gillis mit hineinzieht. Diese Thematik ist zeitlos und bleibt in besonderem Maße auch in unserer Gegenwart aktuell, in der – siehe Big Brother & Super Stars – Berühmtheit so schnell erzeugt wie genommen wird. Aus diesem Grunde wirkt Wilders Film auch heute noch so frisch und packend wie vor über fünfzig Jahren.

Diese Aussage trifft auch auf die Filmmusik von Franz Waxman zu, die zu den ganz großen Tonschöpfungen für das Kino gehört. Meisterhaft in sich geschlossen, besticht die Partitur durch eine brillante sinfonische Gestaltung mit ausgeprägter Leitmotivik. Zentral sind drei Themen: Ein Tango für die Diva, ein jazziger Beebop für den aufstrebenden, jungen Drehbuchschreiber und ein markant-kraftvolles Verfolgungsjagd-Motiv, welches die Musik eröffnet. Die Komposition glänzt mit famosen Einfällen: In der Szene, in der Gillis mit der bezaubernden Betty Schaefer nächtlich durch das Filmstudio umherstreift, erklingt eine Parodie der Paramount-Parade, die Waxman in einer langsamen Variation in einen Walzer verwandelt und damit zum Liebesthema umgestaltet. In der Szene, in der sich Norma Desmond maniküren und für ihr Comeback vorbereiten lässt. spielt über dem Tango eine Zigeunergeige, die den zunehmenden Wahn der Diva musikalisch greifbar macht. Völlig verfremdet und bizarr übersteigert wird der Tango dann in der berühmten Schlussszene, wenn die Desmond in ihrem imaginierten Comeback die Treppe herunterschreitet.

Die exzellente musikalische Dramaturgie und der meisterhafte Umgang mit dem Themenmaterial zeigen Franz Waxman auf der Höhe seiner Kunst. In der vielleicht besten Einspielung des Royal Scottish National Orchestras unter Joel McNeely erweist sich die so kraftvolle wie dynamische Neuaufnahme der Tonsprache Franz Waxmans in jeder Hinsicht gewachsen. Für Begeisterung sorgt auch der neunminütige Bonustrack „Conversing Corpses“ – eine alternative Ouvertüre, die Waxman für einen nicht verwendeten Prolog geschrieben hatte. Die Szenen waren der Schere zum Opfer gefallen, nachdem sie bei Testvorführungen unfreiwillige Lacher hervorgerufen hatten. Das informative Booklet komplettiert den hervorragenden Gesamteindruck. Keine Frage: Mit Sunset Boulevard ist Varèse Sarabande eine Referenzaufnahme und definitive Edition gelungen. Ein Muss für jeden Liebhaber sinfonischer Filmmusik des Golden Age.

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