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Rezension

"Zwei wiederentdeckte Perlen des Golden Age"

Max Steiner:

The Most
Dangerous Game (1932) *****½
The Son of Kong (1933) *****

(Neuaufnahme von 2001)

Die erste große Filmmusik der Kinogeschichte war King Kong von 1933. Diese Aussage ist sicher nicht falsch, liefert aber nur ein unvollständiges Bild des Entstehungsumfeldes dieser so berühmten Filmkomposition.

Zum einen hatte Steiner nämlich schon ein Jahr zuvor zwei (leider bislang nicht veröffentlichte) Filmkompositionen geschrieben (Bird of Paradise, Symphony of Six Million). Zum anderen verdankt King Kong seine Entstehung eigentlich nur einem anderen, vorher produzierten Film: The Most Dangerous Game - eine Tatsache, die vermutlich nur den wenigsten bekannt ist. Allein dank der Option, daß Kulissen für King Kong wiederverwendet werden konnten, waren die krisengeschüttelten Studiobosse bereit, der aufwendigen King Kong-Produktion grünes Licht zu geben.

Die Filmmusik Steiners enstand in nur zwei Wochen kurze Zeit vor King Kong. In den dramatischen Verfolgungsjagden der Musik deutet sich der bevorstehende Meilenstein bereits an. Die brillante Komposition und die Ähnlichkeiten der beiden Partituren haben sogar dazu geführt, daß manche Filmhistoriker The Most Dangerous als wahre erste große Filmmusik der Ära bezeichnen. Anhand der neuen Marco Polo-Einspielung kann sich nun jeder seine eigene Meinung dazu bilden. Die packende Komposition vom schönen Walzer bis hin zu den düsteren dramatischen Passagen ist zweifellos ein frühes Highlight in der Karriere des Komponisten, der später mit Vom Winde verweht (1939) und Casablanca das Publikum begeistern sollte.

Nach dem großen Erfolg von King Kong wurde noch im gleichen Jahr die Fortsetzung Son of Kong produziert. Der zweite Teil erlitt das Schicksal so vieler Sequels. Mit einem geringeren Budget versehen und in aller Eile ausgeführt, konnte die Inszenierung qualitativ dem Original nicht das Wasser reichen.

Auch Max Steiner bekam die Auswirkungen des reduzierten Aufwandes zu spüren. Er mußte mit einem kleinen Orchester mit nur 28 Spielern (statt 46 bei King Kong) auskommen. Dies führte dazu, daß Steiner tricksen mußte, um das Orchester größer klingen zu lassen, als es tatsächlich war. Wie schon bei Kong kam es so zur Kuriosität, daß einige Mitglieder des Orchesters während eines Stückes mehrere Instrumente zu spielen hatten. Die Streicher benutzten eine Technik, um mehrere Noten gleichzeitig spielen zu können. Augrund derartiger Kompromissse kam die ursprüngliche musikalische Vision Steiners in der Originaleinspielung freilich nicht zur Umsetzung. In der vorliegenden Neuaufnahme des bewährten Teams Morgan/Stromberg gibt es nun eine späte Wiedergutmachung. Basierend auf den Skizzen Steiners rekonstruierte Morgan die Musik in ihrer vollen sinfonischen Pracht.

Motive und Themen aus King Kong tauchen wieder auf, aber auch viele neue Ideen. Die prominenteste ist eine wunderschöne Blues-Melodie, der "Runaway Blues". Der variationsreiche und raffinierte Umgang mit dem alten Themenmaterial sowie die reizvollen neuen Akzente machen Son of Kong zu einer eigenständigen Filmmusik, die dem Original in punkto Vielfalt und Komplexität kaum nachsteht.

Son of Kong und The Most Dangerous Game bieten erneut faszinierende Einblicke in das große Können des Komponisten Max Steiner. Die exzellenten Einspielungen helfen das Bild der Kinosinfonik im Golden Age zu vervollständigen. Sie sind nicht nur filmmusikhistorisch von unschätzbarem Wert, sondern selbst nach nach so langer Zeit immer noch ein tolles Hörvergnügen.

Das Booket der liebevollen Edition ist gewohnt erstklassig. Und so geht erneut großer Dank an das Team Morgan/Stromberg und Marco Polo für ein weiteres eindrucksvolles Album. (mr)

Marco Polo 8.223763
Moscow Symphony Orchestra
Dirigent: William T. Stromberg
32, 77:19 Min.

The Most Dangerous Game:
Deutscher Titel: "Graf Zaroff - Genie des Bösen"
Regie: Ernest B. Schoedsack
Darsteller: Leslie Banks, Fay Wray

The Son of Kong
Regie: Ernest B. Schoedsack
Darsteller: Robert Armstrong, Helen Mack