Score – A Film Music Documentary

Dokumentationen über Filmmusik sind rar gesät. Und wenn es doch welche gibt, dann widmen sie sich meist eher einzelnen Komponisten. Einen großen Rundumschlag mit historischem Überblick, Interviews und einem Einblick in die Arbeitsweise der wichtigsten Branchenvertreter, daran hat sich der amerikanische Journalist Matt Schrader versucht. Seine mit Hilfe von Crowdfunding-Geldern realisierte Dokumentation Score – A Film Music Documentary feierte im Oktober beim 25. Filmfest Hamburg Deutschlandpremiere und kommt nun am 4. Januar 2018 (vertrieben vom kleinen deutschen Verleih NFP) regulär in die Kinos. Es ist ein Film geworden, der sich auf einen bunten Streifzug durch die Filmmusikgeschichte begibt und sich vor allem an Einsteiger in das komplexe Themenfeld richtet.

Der Film startet mit einer bizarren Szenarie: Für die Arbeit am Neowestern The Homesman (2014) hat Marco Beltrami in Malibu ein auf einem Container festgezurrtes Klavier der freien Witterung ausgesetzt. Per Kabel wird der Ton des zerfallenden Instruments übertragen und aufgenommen. Da sich aber Schall über die Luft langsamer ausbreitet als durch die Leitung, entsteht eine Art umgekehrter Echoeffekt, der das Spiel des zerfallenden Klaviers besonders geisterhaft klingen lässt. Viel Aufwand für eine ganz spezielle Wirkung. Die in diesem Beispiel gezeigte Experimentierfreude und die Begeisterung für das Schaffen neuer Klänge wird im Verlauf zu einem Grundmotiv von Score, mit dem Matt Schrader ein engagiertes Hohelied auf die Arbeit der Filmkomponisten singt.

Doch zunächst holt die Dokumentation historisch weit aus, blickt zurück auf die Stummfilmära, als Filme in den Kinos noch live begleitet wurden, um den Krach der Projektoren zu übertönen. Mit der Einführung des Tonfilms wird auf den enormen Einfluss von Max Steiners King Kong-Partitur verwiesen. Weitere wichtige historische Meilensteine wie der Einsatz von Jazz-Elementen in den sinfonischen Filmmusiken von Alex North (A Streetcar named Desire) und Henry Mancini (Der rosarote Panther) finden ebenso Erwähnung wie die modernistischen, beinahe der Minimal Music vorgreifenden Kompositionstechniken eines Bernard Herrmann. Der leider viel zu früh verstorbene Jerry Goldsmith und seine atonale Vertonung zum Planet der Affen darf in der Liste  filmmusikalischer Höhepunkte natürlich nicht fehlen. Dann spürt die Dokumentation den Veränderungen in 70er Jahren nach, erzählt vom Aufkommen des „New Hollywood“, dem vermehrten Einsatz von „Source Musik“, Songs und kleineren, nicht-orchestralen Besetzungen auf der Tonspur. Ende der 70er Jahre änderte sich dann noch mal alles. Schuld daran war John Williams mit seinem Krieg der Sterne und dem Revival des spätromantischen Vertonungsstils des Golden Age. Aber auch der Siegeszug elektronischer Filmmusiken wird bedacht. Hans Zimmer kommt ebenso zu Wort wie das Duo Trent Reznor & Atticuss Ross, das für die rein synthetische Vertonung zu David Finchers The Social Network mit dem Oscar belohnt wurde.

Joe Kraemer bei den Recording Sessions zu“Mission: Impossible – Rogue Nation“

Seinen Schwerpunkt legt der Films ohnehin auf die Gegenwart der Branche: Einen Einblick in den heutigen Produktionsalltag gibt der Besuch der Aufnahmesitzungen von Mission Impossible: Rogue Nation (Musik: Joe Kraemer) und Minions (Musik: Heitor Pereira). Und auch eine Neurobiologin kommt zu Wort. Sie erklärt, was Musikhören im Gehirn auslöst, wie unterschiedliche Gehirnbereiche angesprochen werden und wie Musik das Auge des Zuschauers beim Sehen eines Filmes lenken kann.

Die ambitionierte Dokumentation rast im Eiltempo durch die Filmmusikgeschichte und zeigt viele Facetten des gegenwärtigen Produktionsalltags. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei einige Themen nur angerissen werden können. Auch wenn das Begleitbuch zum Film, „Score – The Interviews“, alle Gespräche mit den Filmschaffenden und Komponisten zum Nachlesen enthält, hätte eine punktuelle Vertiefung die aufgestellten Thesen besser untermauern können. So bleibt vieles kaum mehr als mit großen Enthusiasmus vorgetragene Behauptung. Eine große Schwäche von Score ist ohnehin seine unkritische Haltung zum Thema. So vermitteln viele der Interviewten den Eindruck, dass es in der Filmmusik nahezu uneingeschränkte kreative Freiheiten gibt und man quasi alles machen kann, was einem einfällt. Dass solche Aussagen auch Teil einer gut geölten Marketing-Maschinerie sein könnten, wird nicht hinterfragt. Immerhin sprechen Komponisten wie Danny Elfman und Elliot Goldenthal auch vom Arbeiten unter ungeheuren Zeitdruck und deuten an, dass man es mitunter auch mit schwierigen Persönlichkeiten zu tun bekommt. Aber solche Äußerungen bleiben letztlich eher Randnotizen in einer Dokumentation, die viel Beifall klatscht, dabei aber wenig differenziert.

Hans Zimmer in seinem Studio

Was Score dennoch eindrucksvoll vermittelt, das ist die Leidenschaft, mit der die Komponisten ihrer Arbeit nachgehen – und diese Begeisterung überträgt sich unmittelbar auf den Zuschauer. Und das macht den Film bei aller Oberflächlichkeit trotzdem sehenswert für Filmmusik-Enthusiasten. Auch wenn diese hier nicht viel Neues erfahren, macht es Spaß, den Komponisten bei der Arbeit zuzuschauen. Und zumindest aus dem englischsprachigen Raum ist alles vertreten was Rang und Namen hat. Insofern funktioniert Score am besten als Appetitanreger, sich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen, mehr Filmmusik zu hören oder beim nächsten Kinobesuch einfach  stärker darauf zu achten, wie die Musik zusammen mit den Bildern wirkt: Dass Score diesen Effekt auf unterhaltsame Weise erzielt, ist dann doch aller Ehren wert.

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