Notes on a Scandal – Philip Glass

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Wer eine neue Filmmusik von Philip Glass erwirbt, weiß im vorneherein, was ihn erwartet: die typischen, bei manchen gefürchteten und bei manchen Hörern geliebten Minimalismen des Komponisten. So auch bei der Verfilmung des düsteren Beziehungsdramas Tagebuch eines Skandals – Notes on a Scandal um die Affäre einer Lehrerin mit einem ihrer Schüler, für die Glass nach Kundun und The Hours seine mittlerweile dritte Oscar-Nominierung erhielt. Auch hier erklingen sie wieder, die endlos repetierten Streicherfiguren, die von Klavier, Harfe und Bläsern umspielt werden. Doch überraschend häufig – und das dürfte dem Film zuträglich sein – verzichtet Glass auf seine typischen minimalistischen Strukturen. Die formale Strenge seiner Konzertwerke besitzt seine neueste Arbeit deshalb nicht. Wie schon bei seinen letzten Filmmusiken nähert sich Glass trotz der Minimalismen stärker einer klassischen Musikdramaturgie an.

Während am Anfang der Komposition eher leichte Klänge stehen, wird der Tonfall im Verlauf – parallel zur Handlung – immer düsterer, schwelgt geradezu in schwermütigen Moll-Tonarten. Auch die Instrumentierung reflektiert den Abgrund, in den die Protagonisten immer mehr taumeln. Am Anfang stehen Streicher, Holzbläser und Klavier im Vordergrund, während im Verlauf Perkussion und Blechbläser die Eskalation der Ereignisse spiegeln. In der motivischen Verarbeitung orientiert sich Glass sogar ein klein wenig an den Spannungsmusiken Bernard Herrmanns. Nicht zuletzt erinnert die fließende, sogartige Wirkung aber auch an die Vertonungen von Richard Robbins zu Merchant/Ivory-Dramen wie Was vom Tage übrig blieb oder Mr. & Mrs. Bridge.

Doch wenngleich Glass in einigen Stücken den Minimalismus beiseite lässt, bleibt Notes on a Scandal insgesamt doch eine überaus typische Vertonung für ihn. Die sorgfältige Orchestrierung und sein ausgeprägtes Gespür für Stimmungen und Nuancen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich hier doch auf sehr ausgetretenen Pfaden bewegt. Dies gilt insbesondere für die thematische Gestaltung: Das passable, aber etwas spröde Hauptthema für die Lehrerin Barbara dient als leitender Gedanke der Komposition, wird von diversen Nebenmotiven flankiert (eines soll seiner Stummfilm-Vertonung zu Dracula entliehen sein). Leider bleiben diese thematischen Akzente jedoch zu unscheinbar, sind etwas zu sehr im üblichen Klangkosmos von Philip Glass verwurzelt, um nachhaltig zu beeindrucken.

Am Ende ist Notes on a Scandal eine zwiespältige Komposition, die wenig überraschend bei Hörern und Kritikern gleichermaßen sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Sie besticht zwar mit einer wirkungsvollen, subtilen Dramaturgie, die die Beklemmung des Leinwandgeschehens eindringlich in eine musikalische Sprache überträgt. Im Werk von Philip Glass ragt sie allerdings viel zu wenig heraus, um zu seinen besten Filmkompositionen zählen zu dürfen. An Philip Glass und den Minimalismen werden sich deshalb auch weiterhin die Geister scheiden. Daran ändert sich auch mit diesem „Skandal“ nichts.

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