„Mit Hobbits im hohen Norden“ – Howard Shores Herr der Ringe Sinfonie

TERRY EDWARDS
© Clive Barda/ Arena Pal

Nachwuchs-Hobbits, -Elben und -Gandalfs aus der ganzen Republik trafen sich am vergangenen Samstag im hohen Norden in Neumünster, wo im Rahmen des Schleswig-Holsteiner Musik-Festivals Howard Shores Lord of the Rings-Sinfonie ihre umjubelte Deutschland-Premiere feierte. Dabei leitet die Bezeichnung „“Sinfonie“ für das aus sechs Sätzen bestehende Werk eigentlich in die Irre. Denn abgesehen von kleinen Änderungen in der Besetzung und im Arrangement handelt es sich lediglich um eine lange, zweieinhalbstündige sinfonische Suite, die die Höhepunkte der drei auf CD verfügbaren Filmmusiken in chronologischer Reihenfolge vereint. Als Ort diente kein reiner Konzertsaal, sondern aufgrund des größeren Fassungsvermögens die Neumünsteraner Holstenhalle – eine Mehrzweckhalle, die neben Musik-Events auch für Messen genutzt wird. Ein ungewöhnlicher Ort für Sinfonik also, und Skepsis bezüglich Akustik und Atmosphäre erwiesen sich als durchaus angebracht. Denn sowohl der verhallte Klang als auch die von innen kühl-klinisch wirkende Halle, in der sich dem Publikum nur ein bescheidener Einblick auf die Instrumentgruppen des auf einem Podium sitzenden Orchesters bot, standen einem stimmigen Konzerterlebnis im Wege.

Ann de Renais
© SHMF

Die versammelten Kräfte des NDR Pops Orchesters, dem Festivalchor und dem Neuen Knabenchor Hamburg unter der Bataillon des Dirigenten Terry Edwards (der bereits die Choranteile der Originalmusiken geleitet hat) taten aber ihr Bestes um gegen die etwas unglücklichen Rahmenbedingungen anzuspielen. Sie boten eine weitgehend exzellente, dem Original nahe stehende, Interpretation. Allein zwei verpatzte Flötensoli beim lyrischen Hobbit-Thema und der gewöhnungsbedürftige – weil vom Original abweichende – Einsatz der Snare-Drums in der zweiten Hälfte (mit zum Teil recht monotoner Rhythmik) schmälerten den Genuss der Sinfonie ein wenig. Erfreulich hingegen, das auch die Spezialitäten der Orchestrierung im Konzertsaal zu hören waren – zum Beispiel die Verwendung alter Instrumente wie der Hardinger-Fiedel oder dem Hackbrett. Glanzpunkte setzte auch die Sopranistin Ann de Renais. Ihre einfühlsam interpretierten Versionen der Filmlieder (kurioserweise fehlte Enyas „May it be“) und Vokalisen begeisterten das Publikum nachhaltig. Besonders mit „Into the West“ machte sie dem Oscar-prämierten Original von Annie Lennox alle Ehre.

Foto: Mike Rumpf

Über die Konzertdauer von (mit Pause) über zweieinhalb Stunden machten sich aber auch Schwächen konzeptueller Natur bemerkbar. Denn was als rund siebzigminütiger Albumschnitt auf CD noch prima funktioniert, offenbart in doppelter Länge gewisse Redundanzen. Vorlagenbedingt mangelt es der Sinfonie ein wenig an stilistischer und kompositorischer Vielfalt, um ein derart langes Konzert sinnvoll ausfüllen zu können. Der stete Wechsel zwischen legato-Passagen der Streicher und den durch den Hall etwas undifferenziert und unverhältnismäßig laut klingenden Chorälen wirkte auf Dauer ermüdend. Hier wäre weniger wohl mehr gewesen. So war es am Ende zwar kein perfekter, aber unterm Strich dennoch schöner Konzertabend. Das begeisterte Publikum spendierte allen möglichen Vorbehalten zum Trotz minutenlangen, tosenden Applaus. Erwartungsgemäß kam es zwar zu keiner Zugabe, doch Dirigent Terry Edwards stellte immerhin eine Wiederholung des Konzertes im nächsten Festivalsommer in Aussicht. So wurde zumindest die Mehrzahl der Zuhörer rundum zufrieden aus Mittelerde entlassen.

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