Medal of Honor: Rising Sun – Christopher Lennertz

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Videospiele haben sich inhaltlich schon immer gerne an die jeweils aktuellen Kinotrends angelehnt. Das Nachempfinden des auf der Leinwand Gesehenen an der heimischen Konsole oder am PC scheint dabei für viele einen besonderen Reiz zu besitzen. Damit verbunden sind nicht nur die im direkten Merchandising zu einem Film entstandenen Spiele, sondern auch diejenigen, die sich ein gerade beliebtestes Genre zum Vorbild nehmen. Nachdem Steven Spielbergs Soldat James Ryan 1998 eine Renaissance des klassischen Kriegsfilms ins Rollen brachte, startete als eine Art Spiel-Nachzügler die Medal of Honor-Reihe mit dem zweiten Weltkrieg entnommenen Szenarien. Wichtiger Bestandteil der aufwändigen Produktionen aus dem Hause Electronic Arts waren die großsinfonischen Musiken, mit denen Michael Giacchino als eine Art „John Williams“-Epigone die Spiele unterlegte.

Für den nunmehr vierten Teil stand Giacchino nicht mehr zur Verfügung (er komponierte parallel für LucasArts die Partitur zu dessen PC-Kriegsadventure Secret Weapons over Normandy; jüngst als Doppel-CD von La-La Land Records veröffentlicht). Als Ersatz wurde dem Newcomer Christopher Lennertz (Saint Sinner (2002)) die Vertonung anvertraut. Das Konzept ist aber das Gleiche geblieben: Mit großem Orchester und Chor begleitet Lennertz die heroische Spiele-Action. Ebenso wie sein Vorgänger wandelt er stilistisch auf den Spuren von Williams. Gleich der Main Title ruft Saving Private Ryan mit der „Hymn for the Fallen“ ins Gedächtnis. Im asiatischen Klangkolorit spiegelt sich zusätzlich George Fentons Anna und der König (1999) und in den großzügig proportionierten Actionpassagen gibt es neben den Williams-Anleihen (vor allem Star Wars, Indiana Jones) auch einen kräftigen Schuss Danny Elfman (Batman) zu hören.

Die Themen Giacchinos für die Vorgänger-Spiele tauchen nur in Form kurzer motivischer Einschübe auf (zum Beispiel Hauptthema und Nazi-Motiv). Lennertz hat ein eigenes neues Hauptthema geschaffen, welches er im Main-Title als heroische Fanfare einführt und im Verlauf der Musik sauber variiert. Überhaupt erweist er sich allen Vorbildern zum Trotz als versierter Könner im Umgang mit dem Orchester. Ein kleiner, pfiffiger Höhepunkt ist zum Beispiel der Einsatz der Tuba im ironischen Marsch des „Elephant Battle“. Aber auch manches schönes Nebenthema wie das für „Burma“ weiß zu überzeugen.

Lennertz legt beim Dirigieren seiner Partitur jedoch streckenweise erstaunlich hohe, fast gehetzt wirkende Tempi vor. Aus diesem Grund büßt die Musik viel von ihrer möglichen Klangwirkung ein und Details der Orchestrierung gehen unter. Ruhepausen für den Hörer gibt es allein im Pathos elegischer Stücke wie „A Prisoner’s Eulogy“ oder „Incoming! / Aftermath“ (beide mit wortlosem Chor) oder der asiatischen Klangexotik. Diese weiß Lennertz besonders geschickt zu handhaben. Verschiedene fernöstliche Instrumente wie Shakuhachi, Koto, Pipa oder Erhu kommen hier zum Einsatz. In diesen melodischen Oasen inmitten der rastlosen Action hat Medal of Honor – Rising Sun seine reizvollen Momente und macht dem Untertitel alle Ehre.

Der Gesamteindruck bleibt letztlich jedoch zwiespältig. Zwar überzeugt das sinfonische Können von Christopher Lennertz, doch die geringe Eigenständigkeit und die Schwächen in der Einspielung führen zu deutlichen Einschränkungen in der Wertung. Die rasante Tour de Force durch die sinfonischen Actionstandards der 80er und 90er Jahre besitzt zwar durchaus Unterhaltungswert, bleibt aber somit hinter den Möglichkeiten zurück.

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