Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events – Thomas Newman

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Thomas Newman gehört zu den markantesten und individuellsten Stimmen in der amerikanischen Filmmusik-Szene. Diesen Status verdankt der 50jährige seinem Hang zu exotischen Klangexperimenten und vor allem in den letzten Jahren dem Mut zu ungewöhnlichen, kaum naheliegenden Projekten. Besonders mit seiner spritzigen Musik für das animierte Fisch-Spektakel Findet Nemo (2003) gelang ihm in einem Genre abgenutzter Ideen ein sympathisch frischer Ansatz. Doch bei allem Mut, die Pixar-Produktion entgegen aller Erwartungen und Klischees zu vertonen, fiel schon damals und in zahlreichen vorangegangenen Arbeiten auf, wie sehr viele seiner Kompositionen einander ähneln.

Auch das neueste Werk für das skurrile Fantasy-Märchen Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events konterkariert die typischen Genrekonventionen, verlässt allerdings zu keinem Zeitpunkt vertrautes Terrain. Die spielerisch-verträumten Klangwelten bieten ein Sammelsurium an Querverweisen zu früheren Newman-Musiken. Wer sich daher im eigenwilligen Klangkosmos des Komponisten ein wenig auskennt, wird über die siebzig Minuten Spielzeit ein Dejà-Vù nach dem nächsten erleben. Mit dem Können eines handwerklichen Routiniers entwickelt Newman eine stilistisch bunte und wechselhafte Komposition. Herzstück bildet erneut die ungewöhnliche Instrumentierung, die wieder einmal zum Blättern im Musiklexikon anregt. Ob ungewöhnliche Saiteninstrumente wie Ukulele, Kantele (ein traditionelles finnisches Zupfinstrument), die französische Zither (Epinette des Vosges) oder afrikanische und indische Trommeln wie das Djun-Djun bzw. Khol und Bhangra Dhol: Newman hat tief in der Fundgrube ethnischer Instrumente gegriffen, um seine Musik zu gestalten. Verstärkung kommt vom traditionellen westlichen Sinfonieorchester, das vor allem mit seinen Streichern und Holzbläsern melodische Akzente setzt.

Trotz vieler netter Momente mangelt es der Komposition jedoch an einer Zusammenhalt verleihenden Konzeption. Was sich bei Findet Nemo noch mit mehrmaligem Hören wundersam zusammenfügte, bleibt bei Lemony Snicket oftmals Stückwerk. Zwar kristallisieren sich auch hier auf den zweiten Blick eine Reihe filigraner Themen heraus, insbesondere das reizvolle Spieluhrthema in „The Baudelaire Orphans“ und die melancholische Klaviermelodie in „Resilience“. Doch sie bilden keinesfalls die motivische Basis der Komposition, sondern werden von Newman zugunsten einer eher szenenbezogenen Untermalung vernachlässigt.

Ein roter Faden, der sich durch die quirlige Komposition zieht, fehlt leider. Die Qualitäten der Musik liegen deshalb vor allem in Momentaufnahmen – z.B. dem reizvollen Violinsolo in „Verisimilitude“, gelegentlichen Anklängen an die indische Folklore oder dem nostalgischen Gesang im Schlagerstil der 60er Jahre („The Bad Beginning“/“Loverly Spring“). Einige rhythmische Motive (z.B. „Taken by Surpreeze“) wirken interessant, anderen fehlen ebenso wie manchen atmosphärischen Klangkollagen die zugehörigen Bilder. Am Ende handelt es sich um eine nette, und unterhaltsame aber mit knapp 70 Minuten auch überlange Soundtrack-CD. Dass Thomas Newman ausgerechnet eine solche Routinearbeit die mittlerweile siebente Oscarnominierung einbrachte, verwundert ein wenig.

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