„Leere Blicke“ – Sole

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Am Anfang des Italienischen Dramas Sole steht ein fester Deal: Die schwangere und mittellose Polin Lena kommt nach Rom, um ihr Kind an ein wohlhabendes Ehepaar zu verkaufen. Da Leihmutterschaften in Italien allerdings gesetzlich verboten sind, muss alles unter der Hand passieren. Der Plan sieht deshalb eine fingierte Adoption vor: Der junge Ermanno, dessen Tante und Onkel das Kind bekommen sollen, gibt sich als Vater aus und passt gleichzeitig auf Lena auf, die bis zur Geburt bei ihm einzieht. Das unfreiwillige Duo erträgt die spezielle Situation mit stoischer, irgendwie aber auch gereizter Gleichgültigkeit. Ermanno verzockt das wenige Geld, dass er hat, am liebsten am Spielautomaten und während er das tut, schließt er Lena auch schon einmal in seinem Apartment ein. Mit leeren, ausdruckslosen Blicken sitzen beide die Zeit ab. Offenbar geht es ihnen ausschließlich um die Verlockung des scheinbar einfach verdienten Geldes. Auf die Frage, was Ermanno mit seinem einmal Leben anfangen möchte, antwortet er dementsprechend zynisch: „Nichts.“

Das reduzierte Setting, welches Carlo Sironi in seinem Regiedebüt skizziert, könnte in seiner Anlage kaum trostloser sein. Er zeigt zwei junge Menschen der Generation Z, die sich im Grunde schon aufgegeben haben, bevor ihr Leben überhaupt begonnen hat. Nun trümmern Ermanno und Lena ziellos durch ihren Alltag, getragen von Hoffnungen, die so ungefähr sind wie das auf der Hausfront aufgemalte Meer vom Filmposter. Das spartanisch eingerichtete Apartment erweist sich dazu als perfektes Metapher für die emotionale Kälte, die beide umgibt. Man könnte die blanken Wände jedoch auch als Chance begreifen, als Gestaltungsfläche für ein neues Leben. Und tatsächlich kommt alles anders: Als Lena ihre Tochter einige Wochen zu früh zur Welt bringt, beginnt Ermanno zögerlich, Verantwortung für das Baby zu übernehmen. Rührend kümmert er sich um Mutter und Kind. Das Eis beginnt zu tauen, die Fassaden bröckeln.

Behutsam und mit großer Subtilität erzählt Sole von der Annäherung und dem Erwachen zweier Menschen, die eigentlich nichts mehr vom Leben erwarten. Zuvor gibt es aber viele stille Szenen mit langen Kamera-Einstellungen, quälendem Schweigen und leeren Blicken, die viel Geduld vom Zuschauer einfordern. Sie erklären nichts, weil Ermanno und Lena keinen Blick hinter die kühle Maske ihrer Resignation gestatten. Doch das lange Warten lohnt sich. Denn wenn sich die lange Zeit unter der Oberfläche brodelnden Emotionen in den finalen Szenen von Sole mit voller Wucht, aber frei von Kitsch, entladen, dann bebt die Leinwand vor Glück. Und plötzlich ist da ein kostbarer Moment voll anrührender Verletzlichkeit, wie wir ihn in dieser Intensität im Kinojahrgang 2019 wohl nicht mehr so häufig erleben werden.

(Reihe: Wettbewerb)

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