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Kommentar

"Ware Helden"

Zum Filmstart von Pearl Harbor

Was braucht ein Film, um zum Blockbuster zu werden? Spätestens seit Roland Emmerichs Independance Day (1996) und James Camerons Titanic (1997) scheint es so, daß es allein eines epischen Filmes mit vielen Spezialeffekten, meist gesüßt mit einer Liebesgeschichte bedarf. Den Rest besorgt dann eine großangelegte Marketingoffensive, die den potentiellen Zuschauer zum Kinogang bewegt. Sorgfältig entwickelte Charaktere und eine interessante, gut recherchierte, Geschichte gehören im Mainstream-Kino längst der Vergangenheit an. Bei Historienstoffen ist das besonders fatal: Geschichtsverdrehung zugunsten eines triefenden Patriotismus ist nicht nur ärgerlich, sondern legt schnell den Verdacht auf eine unterschwellige Propaganda nah. Dem amerikanischen Volk soll angesichts der sozialen Probleme im eigenen Land nationale Einheit suggeriert werden. Das scheinbar Unpolitische der Filme gerät zum Politischen, wenn ein eindimensionales und plakatives Historienbild inklusive Hurra-Patriotismus eine eigene Version der Geschichte erzählt. Unangenehme Wahrheiten werden der Einfachheit halber weggelassen.

Ein paar Beispiele hierfür:
In Spielbergs Amistad (1997) wird verschwiegen, daß der befreite Sklave Cinqué nach seiner Rückkehr nach Afrika selber einen Sklavenhandel gründete.
In Saving Private Ryan (1998) werden die amerikanischen Soldaten als Vorbilder und Identifikationsfiguren dargestellt. Daß laut Augenzeugenberichten Soldaten während ihrer Kriegseinsätze fortlaufend geflucht haben sollen, fand im Drehbuch keine Berücksichtigung. Der Soldat James Ryan, der gesucht werden soll, ist natürlich ein "guter" Amerikaner. Der militärischen Mission wird sogar nachträglich eine Legitimation gegeben, indem Ryans Ehefrau ihm genau dies in einer rührseligen Szene auf dem Kriegsfriedhof bestätigt.

Emmerichs Patriot (2000) zeigt den Helden mit seinen Sklaven friedlich und freundlich zusammenlebend. Das mag es vielleicht im Einzelfall wirklich gegeben haben, doch der amerikanische Alltag sah im Unabhängigkeitskrieg sicher anders aus.
Darf man den Filmemachern nun einer politischen Verschwörung bezichtigen? Wohl kaum, denn den Produktionsfirmen geht es hauptsächlich allein um das Einspielergebnis an den Kinokassen. Ein Film, der in diesem Sinne erfolgreich sein möchte, darf Niemandem wehtun; er muß das Kinopublikum auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen. Im familienfreundlichen Zeichentrickfilm Der Prinz von Ägypten (1998) sprach man vor der Produktion mit Vertretern der verschiedenen Religionen, um es ja allen recht zu machen. Ein Stein des Anstosses hätte nämlich weniger verkaufte Kinotickets zur Folge gehabt. Nein, eine Verschwörung der Filmproduzenten gibt es sicher nicht. Nur, wenn die Bruckenheimer-Produktion Pearl Harbor wie schon in Top Gun (1986) auf die Unterstützung des amerikanischen Militärs zurückgreifen kann, kommt es zur beidseitig gewinnbringenden Symbiose. Die einen bekommen ihren Werbefilm, die anderen den ertragreichen Blockbuster.

Der durchschnittliche Ami liebt den Patriotismus. Verdrängung und Beschönigung statt Aufarbeitung und Wahrheit. Es ist kein Wunder, daß dem Angriff auf Pearl Harbor ein Film gewidmet wird, den verheerenden Folgen der Atombombenabwürfe über Japan aber nicht.

Erstaunlich ist nur, daß derartiges Kino auch hierzulande großen Erfolg hat. Das Marketing verfehlt auch bei uns scheinbar nicht seine Wirkung. Die Lust auf reine Popcorn-Unterhaltung siegt über (zum Teil auch nicht vorhandene) kritische Vorbehalte. Sich mal im Kino nur unterhalten zu lassen, ohne dabei nachdenken zu müssen, ist sicher nicht verwerflich. Nur wird das "Mal" bei vielen Kinogängern häufig zum "immer". Eine kritischere Auswahl der Filme könnte nicht schaden. Warum jegliche Kinokost, die Amerika uns zum Fraß vorwirft, vorbehaltlos konsumiert wird, bleibt bei genauerer Betrachtung ein Rätsel.

Ich habe Pearl Harbor bislang nicht gesehen und habe auch nicht vor, es zu tun. Jeder muß für sich selber entscheiden, ob er das dreistündige Spektakel sehen will oder nicht. Keine Frage, Pearl Harbor wird seine Schauwerte besitzen, vielleicht sogar unterhaltsam sein. Ob das alleine ein Kinoticket wert ist, dürfte jedoch fraglich sein. Bisher ließ kaum ein Kritiker ein gutes Haar am Film von Michael Bay. Die ersten Kinogänger stimmten dem einhellig zu. Auf die Zuschauerzahlen in Deutschland darf man deshalb gespannt sein. Denn wer ist stärker - Werbung oder schlechte Kritiken? (mr)