Kingsman – The Secret Service –
Henry Jackman & Matthew Margeson

Bei James Bond waren die unsterblichen Hauptthemen von Monty Norman bzw. John Barry stilbildend für ein ganzes Genre. Noch heute bezieht sich jeder Film, der die Eleganz und Lässigkeit in die Gegenwart übertragen möchte, musikalisch auf das große Vorbild. Und wenn es nicht Bond ist, dann müssen eben die Grooves von Lalo Schifrins Titelmelodie aus Mission: Impossible herhalten. Die Musik wird zur akustischen Signatur – für den Franchise, für die edlen Titelhelden im Geheimdienst ihrer Majestät und für den Mythos von Heldentum und Noblesse. In Matthew Vaughns Verfilmung des Kingsman-Comics von 2014 stellen die beiden ausführenden Komponisten Henry Jackman und Matthew Margeson den titelgebenden Helden dementsprechend ein geradezu ohrwurmverdächtiges Hauptthema zur Seite. Die anzugtragenden Agenten des ultrageheimen Geheimdienstes sehen sich getreu dem Motto „Manners maketh Man“ (sinngemäß: „Manieren machen Männer“) als edle Gentlemen, deren Aufgabe es ist, die Welt vor bösen Schurken zu bewahren. Doch bereits die Eröffnungssequenz des Filmes konterkariert dieses noble Ansinnen: Bei der Hatz auf Terroristen „irgendwo im Mittleren Osten“ wird die Zerstörung einer historischen Lehmfestung kommentarlos und wenig ehrenwert in Kauf genommen. Ein geradezu befremdlicher Kulturimperialismus. „Cool“ im Sinne der Agenten der 60er Jahre oder gar „gentleman“-like kann man das kaum nennen.

Colin Firth ist einer der geheimen „Kingsman“
© 2015 Twentieth Century Fox Film Corporation

Natürlich ließe sich über einen so wenig sensiblen Umgang mit den Errungenschaften einer anderen Kultur im Rahmen eines kommerziellen Unterhaltungskinos leicht als einmaliger Faux Pax hinwegsehen. Doch diese Szene bleibt kein Einzelfall. Das Drehbuch von Kingsman strotzt nur so vor fragwürdigen Stereotypen, die bei aller ironischer Überzeichnung und gewollter „political incorrectness“ immer wieder den Kopf schütteln lassen. Der Oberschurke Valentine (Samuel L. Jackson), der den Klimawandel aufhalten will, indem er einen Großteil der Menschheit auslöscht, lispelt nicht nur. Er und seine muslimische(!) Gehilfin sind im Gegensatz zu den britischen Helden auch noch farbig. Das bedient rassistische Stereotype, die eigentlich bereits überholt schienen.

Erschreckend auch die grelle Gewaltdarstellung: Köpfe und Gliedmaßen werden durchtrennt, aber Blut fließt nie so richtig. Der Bodycount ist ohnehin hoch. Wer böse ist oder nur Böses denkt, wird verdroschen oder gleich pulverisiert. Bezeichnend dafür eine Szene in der Mitte des Filmes: Ein von Valentine fremdgesteuerter Kingsman-Agent metzelt in einer Kirche einen Hassprediger und seine bigotte Gemeinde gleich mit – ein unerträglicher Gewaltakt, der „weil es ja die richtigen trifft“ vor allem niedere Instinkte des Zuschauers anspricht. Das Drehbuch offenbart dazu mehr als einmal eine bizarr anmutene Schizophrenie: So gestattet es einer jungen modernen Frau durchaus, in den patriarchischen Kreis der Kingsman aufzusteigen. Doch der geschmacklose Schlussgag mit der schwedischen Prinzessin offenbart im Kontrast dazu dann wiederum eine sexistische Grundeinstellung, die  sprachlos macht. Natürlich sind diese Stereotypen nur bedingt ernstzunehmen. Schließlich betreibt Kingsman ein wild-anarchisches Spiel mit der „political correctness“, gibt sich immer wieder betont „gegen den Strich gebürstet“ und überbordend selbst-referentiell. Doch eine echte ironische Brechung oder Relativierung findet zu keinem Zeitpunkt statt. Alles wird dem filmischen Affekt der rasanten Inszenierung untergeordnet. Und das betrifft auch die energetische Musik des Duos Jackman & Margeson. Sie macht die comic-haft ästhetisierten Gewaltexzesse und die fragwürdigen Stereotypen für den Zuschauer erst konsumierbar, verleiht ihnen mit ihren Heldenposen eine positive Konnotation.

Ein Drink für „edle“ Agenten
© 2015 Twentieth Century Fox Film Corporation

Dazu passt, dass die Vertonung die Filmhandlung bei allen Übertreibungen erstaunlich ernst nimmt. Sieht man einmal von dem markanten Hauptthema mit seinem Bond-Bezug ab, ist die sie mit ihren Streicher-Ostinati und elektronischen Beats vor allem dem zeitgemäßen Action- und Suspense-Scoring verpflichtet. Keine Frage, die Vertonung soll vermeiden, dass die überdrehte comichafte Überzeichnung auf Kosten der genretypischen Spannungsdramaturgie geht. Und auf dieser Ebene erfüllen Jackman & Margeson ihre Aufgabe im Film durchaus erfolgreich. Das fanfarenartige Hauptthema wird immer wieder effektvoll in Szene gesetzt und selbst in den ruhigen Momenten – wie in „The Medaillon“ mit seinem hübschen Zusammenspiel von Klavier und Harfe, gekonnt aufgegriffen. Doch wie beim Film sollte man nicht tiefer blicken. Es bleibt allein bei Oberflächenreizen und den üblichen Standards im Superhelden-Genre. Die von schlichten Ostinati bestimmten Action-Tableaus, und der durch die Nachbearbeitung am Computer mitunter seltsam künstliche Klang zeigen schnell, dass ein guter thematischer Einfall noch lange keine gute Komposition macht. Und auch wenn das Hauptthema über manche andere Schwäche der Vertonung hinwegtäuschen mag: Dass die Filmmusik reaktionären und rassistischen Untertönen derart den Weg bereitet, hinterlässt wie der Film mehr als einen faden Beigeschmack.

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