Jordskott – Erik Lewander
„Abgründe im Wald“

Der Wald als mystischer gefahrenumwobener Ort. Dieses Motiv ist nicht zuletzt aus M. Night Shyamalans The Village, dem Hexen-Schocker The Witch oder jüngst der deutschen Netflix-Serie Dark bekannt. Im schwedischen Zehnteiler Jordskott geht von der Natur ebenfalls ein undefinierbarer Schrecken aus: Kinder verschwinden, seltsame Kreaturen treiben in den chemisch verseuchten Flüssen. Und die Menschen im kleinen Ort Silverhöjd sehen sich einer nicht weniger unheimlichen Mordserie ausgesetzt. Zeitgleich kehrt die Polizeibeamtin Eva (Moa Gammel) nach dem Tod des Vaters in die Heimat zurück. Sie will das mysteriöse Verschwinden ihrer Tochter Josefine, das bereits sieben Jahre zurückliegt, aufklären. Doch nichts ist wie es scheint. in Silverhöjd wirkt jeder Einwohner verdächtig. Die unerklärlichen Ereignisse häufen sich. Eines Nachts steht plötzlich auf einer einsamen Landstraße das todgeglaubte Kind vor Eva, erscheint aber seltsam verändert. Und nur langsam gelingt es der Polizistin, den dicken Schleier aus Schweigen und Beklemmung zu lüften, der wie Blei auf den Seelen der Menschen lastet.

Was zunächst wie eine typische skandinavische Kriminalgeschichte im Stil von Die Brücke und Kommissarin Lund anmutet, entwickelt sich Folge um Folge immer mehr zu einer reizvoll versponnenen Märchengeschichte, die die Autoren auf originelle Weise mit Elementen aus der nordischen Mystik und Folklore verwoben haben. Der Wald wird zur knorrig-erdigen Metapher für die tief verästelten Beziehungen der Menschen zueinander. Natürlich ist ein solcher Stilmix nicht unbedingt jedermanns Sache, und wer ein paar skandinavische Serien in den letzten Jahren gesehen hat, mag einige Wendungen und Cliffhanger wiedererkennen. Wenn man sich aber auf das eigenwillige Szenario einlassen kann, entwickelt der spröde, zurückhaltende Inszenierungsstil von Jordskott einen bemerkenswerten Sog, der einen verwundert fragen lässt, warum die Serie nicht eigentlich mehr Anhänger besitzt.

Zur eigenwillig-verschrobenen Wirkung trägt auch die Musik ihren Teil bei. Der eigentlich als Songwriter (u.a. für Tina Arena, Sarah Connor) arbeitende Erik Lewander begleitet das skandinavische Mysterienspiel mit einem eigentümlichen Gemisch unterschiedlicher musikalischer Schichten. Der fatale Widerstreit zwischen profitgierigem Mensch und der Natur, die unselige Verquickung mit den privaten Schicksalen der traumatisierten Bewohner Silverhöjds – sie alle werden auf der Musikebene effektvoll gespiegelt.  Da schälen sich aus brodelnd-pulsierenden Klangkollagen Motivfetzen heraus, spielen Klavier, Cello und Violine spröde Weisen. Hauptdarstellerin Moa Gammel singt dazu der dahinsiechenden Tochter immer wieder ein abgründiges Wiegenlied, während der Chor ein engelsgleiches Raunen für die Wesen des Waldes intoniert. Es brodelt und pulsiert unter der Oberfläche. Und stets ist da etwas Lauerndes, Gequältes – eine unsichtbare Last. Lewander konzentriert sich in seiner Vertonung ganz auf das Erzeugen dieser sehr speziellen Atmosphäre. Zwar zeichnet er bisweilen auch die Spannungsmomente der Serie nach. Doch meist  verzichtet er dabei auf klassische Schock-Effekte, bleibt stattdessen mit der Musik immer eng bei den Hauptfiguren und ihren individuellen Geschichten.

Entsprechend schreibt er den einzelnen Charakteren und Schauplätzen Themen zu, die mehr als Erinnerungsmotive dienen, denn einer echten Entwicklung oder Variation unterlaufen. Das Spiel des Cellos kontrastiert effektvoll mit den geräuschartigen elektronischen Klängen im Hintergrund. Es zischt, blubbert, knackt. Eigentlich die Klänge des Waldes. Doch in dem Ausmaß, in dem der Mensch in die Natur eingegriffen hat, können es keine natürlichen Klänge mehr sein. Zwischen trauriger Melancholie und kalten Elektronik-Sounds entsteht so eine beklemmende, schier ausweglose Grundstimmung. Doch Jordskott ist keine nihilistische Serie. In den zarten Harmonien der Leitmotive liegt immer eine menschliche, versöhnliche Note. Optimistisch beschließt auch der Abspann-Song der Sängerin Ofelia die einzelnen Episoden: Die Refrainzeile „I will meet you there“ verspricht Wiedersehen und Aussöhnung.  Der Wald mag ein gefahrenumwobener Ort sein. Aber es gibt durchaus noch Hoffnung. Auch wenn der Weg dahin steinig und schmerzhaft ist: Manchmal können selbst tiefe Wunden geheilt werden.

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