Harry Potter and the Prisoner of Azkaban – John Williams

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zum Film:

Harry Potter-Mania ohne Ende. Nach dem Erscheinen des fünften Romans kommt nun die Verfilmung des dritten Buches Der Gefangene von Askaban in die Kinos. Mit an Bord ist ein neuer Regisseur: der Mexikaner Alfonso Cuaron, der zuletzt das Roadmovie Y Tu Mama Tambien auf die Leinwand brachte. Er übernimmt den Job von Chris Columbus, der beim dritten Abenteuer nur noch als Produzent fungierte. Man merkt dem neuen Film den Wechsel im Regiestuhl an. Bereits die Bildsprache ist eine andere. Die Zauberschule Hogwharts ist kein märchenhaftes Disney-Schloss mehr, sondern ein wildromantischer Ort, der bei weitem nicht mehr so vertraut erscheint, wie man ihn noch aus den ersten beiden Filmen kannte. Und auch das Quidditch-Match artet dieses Mal im tosenden Regen in eine wahrhaft düstere Schlammschlacht aus. Diesen erwachseneren Harry Potter-Film zu sehen, bereitet doch einigen Spaß. Die Zeitreise der Protagonisten ist (den logischen Schwächen (siehe unten) zum Trotz) besonders liebevoll und rasant umgesetzt. Und da Cuaron seinen Figuren deutlich mehr Schattierungen und Nuancen gestattet als es noch Columbus tat, weicht der mitunter keimlose Oberflächenglanz der ersten beiden Filme einer merklich vielschichtigeren und damit spannenderen Erzählung.

Natürlich bleibt Harry Potter immer noch Harry Potter und so ist auch unter der Regie von Cuaron letztlich (im Sinne des Buches) eher ein unterhaltsam-harmloses Abenteuer denn wirklich großes Kino entstanden. Die eigentlichen Schwächen des liebevoll ausgestatteten Films sind dann auch nicht durch die Inszenierung sondern durch die Vorlage bedingt. Da ist zum einen das grundsätzliche Problem, welches sich aus jeder Zeitreise ergibt: Wenn die Helden einmal in die Vergangenheit können, warum machen sie dann nicht das geschehene Unheil – etwa den Tod der Eltern Harry Potters – rückgängig? Der zweite Schwachpunkt ist ein konzeptueller: Die epische Breite, in der J.K. Rowling ihre Saga ausführt, bedarf immer neuer Ideen. Nur sind diese alles andere als innovativ. Die begabte Autorin plündert mehr oder weniger inspiriert im allgemeinen Fundus der Sagen- und Mythengestalten. Dieses Mal hat zum Beispiel ein Werwolf seinen Auftritt. Was man am Anfang der Geschichte noch hinnahm, gleicht in der Beliebigkeit, mit der Rowling diese Fabelwesen einsetzt, inzwischen manchmal einer Nummernrevue der Querverweise in die Fantasy- und Märchengeschichte. Doch diese Mankos sind natürlich keine Schwächen der Verfilmung, sondern bereits in der Vorlage zu finden. Insofern bleibt es dabei, dass Cuaron den bislang ambitioniertesten und vermutlich besten Harry Potter auf die Leinwand gebracht hat.

zur Musik:

Fortsetzungen bieten ihren jeweiligen Komponisten meist geringe kreative Entfaltungsmöglichkeiten – die Themen und die stilistische Grundrichtung sind vorgegeben und im Sinne von Einheitlichkeit und Kohärenz gibt es nur wenig Spielraum für Neuerungen. Als John Williams 2002 die erste Harry Potter-Fortsetzung Die Kammer des Schreckens vertonte, bot er zwar eine rundum gelungene Neuauflage seines ersten Scores in der Reihe, setzte sich dabei stilistisch nicht sonderlich vom Original ab. Insofern konnte man im Vorfeld der dritten Folge durchaus skeptisch sein, ob die neue Musik aus der gleichen Hand wirklich kompositorisch interessant werden würde.

Es darf jedoch Entwarnung gegeben werden: Williams dürfte mit der Musik zu Harry Potter und der Gefangene von Askaban selbst eingefleischte Fans überraschen. Mehr noch: Freunde des Zauberlehrlings, die auf die Musik im Film achten oder sie von CD hören, werden nachhaltig irritiert sein, wie wenig er der konzeptuellen Formel der ersten beiden Vertonungen folgt und wie selten er auf die etablierte, leitmotivisch angelegte Themenbasis zurückgreift. Natürlich gibt es analog zu Star Wars und den Bond-Filmen auch hier wieder die beliebte Harry Potter-Titelmelodie, das Hedwig-Thema, zu hören. Doch dabei bleibt es über weite Strecken. Hier und da taucht es in der motivischen Verarbeitung wieder auf, aber es sind vor allem die neuen Ideen und Elemente, die der Musik ihren Stempel aufdrücken: Das beginnt beim Rossini-haften Walzer in „Aunt Marge’s Waltz“ und setzt sich über die jazzigen an die „Cavatina Band“ aus Star Wars erinnernden Passagen bis hin zu den düsteren Action-Stücken der zweiten Hälfte fort.

Die Tchaikovsky-/Prokofiev-nahe Spätromantik ist zwar noch präsent, aber keinesfalls so ausgeprägt wie noch in den ersten beiden Potter-Musiken. Stattdessen zeigt Williams eine von ihm ungewohnte Seite, indem er in einigen Stücken alte Instrumente einsetzt und mit ihnen ein reizvolles mittelalterliches Flair erzeugt. Gewissermaßen begegnet Williams hiermit dem spröden Inszenierungsstil Cuarons, der z.B. den Festsaal auf Hogwarts tatsächlich wie ein ritterliches Bankett aussehen lässt. So erklingt auch der Begrüßungschoral für die Schüler, das mitreißende „Double Trouble“, in einer mittelalterlichen Instrumentierung und setzt sich damit erfreulich von vergleichbaren Stücken aus Hook ab. Das Thema dieses auf einem Text von Shakespeare basierenden Liedes wird von Williams durch die gesamte Partitur gekonnt variiert. Als besonders delikat sei hier die Verknüpfung mit dem Hedwig-Thema in „Secrets of the Castle“ hervorgehoben, in der das Spiel von von Harfe und Celesta attraktiv gegenübersteht.

Dazu tritt ein lyrisches Thema für die Begegnung Harrys mit dem ruhigen wie unscheinbaren Professor Lupin („A Window to the Past“) und eine episch ausschwingende Melodie für den „Hippogreif Seidenschnabel“. Die zweite Hälfte der Komposition fällt dann merklich düsterer aus. Sie ist einer A.I. (2001) und Minority Report (2002) nicht unähnlichen modernistischen Tonsprache verpflichtet. Einen schönen, allerdings auch etwas redundanten Abschluss der CD bietet die Musik des Abspanns, „Mischief Managed“, die nach knapp Minuten eine redundante Aneinanderreihung der Höhepunkte der CD bietet – und das insgesamt rund 12 Minuten lang. Dem ungeachtet hat sich John Williams mit dem Gefangenen von Askaban selbst übertroffen und eine der schönsten Filmkompositionen der letzten Jahre hingelegt. Die Fülle an neuen Themen, die frische Herangehensweise an einen altbekannten Stoff und die raffinierte motivische Verzahnung machen die dritte Musik für den Zauberlehrling nicht nur zu einem begeisternden Hörspaß, sondern auch zu exzellenter Kinosinfonik.