INHALT

Rezension

"Crossover zwischen Weltmusik & Filmmusik"

Buena Vista Social Club / Moro No Brasil /
Crossing the Bridge / Tsotsi

Es ist einer der vielen Widersprüche unserer westlichen Gesellschaft, dass trotz immer weiter eskalierender Konflikte mit anderen Kulturkreisen, sich offenbar zugleich eine große Faszination und Begeisterung für deren Folklore entwickelt. Beispielsweise gehören Indische Bollywood-Musicals inzwischen zu den Quotenhits im Fernsehen (zumindest auf RTL 2) und scheinen sich die zugehörigen DVDs sowie Filmmusik-CDs bestens zu verkaufen. Orientalische und afrikanische Rhythmen bilden ein immer beliebter werdendes Stilmittel in der gegenwärtigen Popmusik. Der Trend, Filme mit Weltmusik zu begleiten, ist auch in Nicht-Bollywood-Produktionen allgegenwärtig. Man denke nur an die ethnisch geprägten Vertonungen eines Mychael Danna oder die Orientalismen in Hollywood-Produktionen Hans Zimmers wie z.B. dem Gladiator oder Black Hawk Down. Andere Länder und deren Folklore mittels Dokumentationen zu entdecken, gehört zu den weiteren Begleiterscheinungen dieses Trends.

Buena Vista Social Club (1999):

Buena Vista Social Club
CD-Cover
© World Circuit
Der größte Erfolg in dieser Hinsicht war vor ein paar Jahren die für den Oscar nominierte Dokumentation Buena Vista Social Club (1999), in der Wim Wenders und Ry Cooder in Kuba den begnadeten Musikern des gleichnamigen Clubs begegnen, ihre Lebensgeschichte und ihre Musik vorstellen und so zu einer späten Renaissance und Weltruhm verhelfen. Der Clou: Die Musiker waren zum Zeitpunkt der Dreharbeiten weit über 70 bzw. 80 Jahre alt. Den trotz trivialer Texte mitreißenden und nur so vor Lebensfreude strotzenden Son (eine Mischung aus afro-kubanischen Trommelrhythmen und spanischer Gitarrenmusik) hört man dieses Alter aber nicht an. Mittlerweile ist die kubanische Musik sogar bekannter als die ursprüngliche Wenders-Doku, hat mit erfolgreichen Soloalben beteiligter Musiker wie Ibrahim Ferrer (1927-2005) oder Compay Segundo (1907-2003) den filmischen Kontext längst hinter sich gelassen.

Moro No Brasil (2002):

Moro No Brasil
CD-Cover
© Milan
Von diesem Erfolg kann Mikas Kaurismäkis Dokumentation Moro No Brasil (2002) nur träumen. Wie der Name bereits andeutet, geht es hier um die Brasilianische Musikszene, die viel mehr zu bieten hat als nur Bossa Nova und Samba. Der Finne hat sich auf eine 4000 Kilometer lange Reise quer durch Brasilien gemacht, um den unterschiedlichen Musikstilen und -einflüssen sowie ihren Wurzeln nachzuspüren. Die Reise beginnt im Nordosten des Landes bei den Ureinwohnern und ihrer Folklore. Mit dem Besuch verschiedener Regionen lernt der Hörer vielseitige Musikstile wie Frevo (schnelle Tanzmusik, die zum Karneval im Bundesstaat Pernambuco gespielt wird), Maracatú (ein Vorläufer des Samba), Coco und Forró (beides Rhythmus- und Tanzstile aus dem Nordosten) sowie Embolada (Lieder aus dem Küstengebiet im Nordosten) kennen. Die vielseitige Entdeckungsreise kulminiert schließlich in einem Live-Mitschnitt eines Konzertes in "Mika’s Bar" (in Anspielung auf eine Lieblingskneipe des Regisseurs in Rio de Janeiro).

Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul (2005):

Crossing the Bridge
CD-Cover
© Warner
Einen musikalischen Schmelztiegel zwischen Orient und Okzident erlebt in diesen Jahren auch die größte Stadt am Bosporus - Istanbul. Hierhin begibt sich der Schlagzeuger Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten in der Dokumentation Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul (2005). Der Regisseur Fatih Akin kam zusammen mit Hacke im Zuge der Musikproduktion zu dem preisgekrönten Drama Gegen die Wand erstmalig mit der lebendigen Istanbuler Musikszene in Berührung. Entstanden ist ein bemerkenswerter Streifzug, der Musikstile von Pop, Chanson über Hiphop, Rap, Punk bis hin zur typischen Folklore versammelt. Besonders sympathisch ist dabei, dass Hacke sowohl berühmte Sänger- und Sängerinnen als auch einfache Straßenmusiker vor der Kamera interviewt. Ein besonderer Höhepunkt der stilistisch kunterbunten Zusammenstellung ist aber wohl der in einem alten Badehaus aufgenommene Klagegesang "Ehmedo" der kurdischen Sängerin Aynur. Auch editorisch kann sich die Filmmusik sehen lassen: Im Gegensatz zu den anderen hier vorgestellten CDs verfügt Crossing the Bridge über ein ausführliches Booklet, in dem detailliert auf die verschiedenen Musikstile und beteiligten Künstler eingegangen wird.

Tsotsi (2005):

Tsotsi
CD-Cover
© Milan
Keine Dokumentation, sondern die Geschichte einer Kindheit in Johannesburg - das ist der Oscarprämierte Spielfilm Tsotsi (2005). Der Titel steht im Straßenslang für Gangster und Schläger. Und genau in diese üble Szene gerät ein junger Südafrikaner nach dem Aids-Tod der Mutter und der Flucht vor dem alkoholabhängigen Vater. Die Filmmusik könnte aber auch einer Dokumentation entspringen. Sie besitzt kaum filmdramaturgische Funktion, sondern bildet vor allem das Lebensgefühl der Jugendlichen im Ghetto in Form von Rap- und Hiphop-Songs mit Reggae-Einflüssen ab. Erst in der zweiten Hälfte der CD öffnet sich die Musik stärker afrikanischen Rhythmen und Gospel (vermutlich als Parallele zur Läuterung des Protagonisten), macht aber mit atmosphärischen Stücken (geschrieben von den Südafrikanischen Komponisten Mark Kilian und Paul Hepker) und leichtem Gitarrenpop auch manches Zugeständnis an den Europäischen Musikgeschmack. Leider wird der Hörer mit der CD ziemlich alleingelassen, denn es gibt weder erhellende Hintergrundinformationen noch einen Abdruck der zum Teil politischen und sozialkritischen Texte. So kann man die Wut und Verzweifelung hinter den aggressiv vorgetragenen Reimen nur erahnen.

Fazit:

Alle der hier erwähnten CDs bieten faszinierende Einblicke in die lebendige Musikszene fremder Länder jenseits der Beliebigkeit des Pop-Mainstreams und abgedroschener Weltmusik-Klischees. Dieser Umstand macht den Zugang zu den Songs allerdings nicht immer leicht. Tatsächlich setzen sie ein offenes Ohr für Neues und Anderes voraus. Dennoch: die Entdeckungsreise lohnt sich, dürfte helfen manches einseitige Zerrbild in der Medien ein klein wenig zu entschärfen. (mr)

CD-Info "Buena Vista Social Club":
World Circuit WCD050
60:08 Min.

CD-Info "Moro No Brasil" (Veröffentlichung: 2006):
Milan M2-36171
60:44 Min.

CD-Info "Crossing the Bridge":
Warner Music 5050467-8740-2-2
71:55 Min.

CD-Info "Tsotsi":
Milan M2-36156
68:26 Min.