INHALT

Rezension

"Made in Germany"

Edition Filmmusik - Komponiert in Deutschland I (2007)

"Komponiert in Deutschland" - Das ist das Motto einer neuen mehrteiligen CD-Reihe, die in Zusammenarbeit der Filmzeitschrift filmdienst und dem Label Normal Records entstanden ist. Die Serie hat es sich zum Ziel gesetzt, in jeder Folge ein frisches Gesicht aus der gegenwärtigen deutschen Filmmusik-Landschaft zu porträtieren. Die einzelnen CDs präsentieren sich dabei nicht nur im einheitlichen Layout, sondern sind - mit ausführlichem Begleittext (verfasst vom filmdienst-Filmmusikexperten Jörg Gerle) und Kurzinfos zu den zugrunde liegenden Filmen - zudem auch editorisch hochwertig produziert.

Folge 1: Annette Focks:

Buena Vista Social Club
CD-Cover
© Normal Records
Den Anfang macht Annette Focks. Die gebürtige Lingenerin hat in Köln Musik studiert und anschließend in München ein Kompositionsstudium für Film und Fernsehen absolviert. Seit einiger Zeit liest man ihren Namen immer häufiger im Vorspann von Kino- und Fernsehproduktionen: etwa bei der Fernsehmusik zum Zweiteiler Die Kirschenkönigin (2004), beim Südafrika-Drama Malunde (2001; ihre erste CD-Veröffentlichung) oder dem im Frühjahr 2007 mit dem Deutschen Filmpreis prämierten Musikdrama Vier Minuten (2006) - um nur eine kleine Auswahl zu geben. Die erste CD der Reihe "Komponiert in Deutschland" stellt drei ihrer Musiken vor: die zum Adoptionsdrama Vier Töchter (2006), zur Dokumentation Das Paradies auf Erden (um eine Sekte in Ostpreußen in den 30er Jahren) sowie die bereits erwähnte Arbeit zur Kirschenkönigin.

Der Vertonungsansatz ist in jedem Fall einen anderer: Bei Vier Töchter setzt die Komponistin neben einem kleinen Streicherensemble eine ganze Reihe exotischer Perkussioninstrumente ein (z.B. Marimba, Glockenspiel, Darbuka, Udo und Thaigong) und erzeugt so einfühlsame Klangkollagen, die unweigerlich an die Musiken von Thomas Newman, aber auch Mychael Danna (z.B. in Girl, Interrupted) erinnern, ohne dass man dabei aber von einem Plagiat sprechen könnte. Dafür sind die von ihr erzeugten Klangwelten dann doch zu eigenständig.
Eine stilistisch ganz andere Richtung schlägt die Musik zu Die Kirschenkönigin ein: Hierbei handelt es sich um eine lyrisch-melancholische Orchesterkomposition - die mit einigem Aufwand in Szene gesetzt wurde. Die abwechslungsreiche Gestaltung weiß zu gefallen: So besticht die Partitur mit ihrem vollmundigen Streicherwohlklang, den feinsinnigen Soli von Cello und Violine, folkloristischen Tänzen sowie dem lyrischen Spiel der Holzbläser (Klarinette und Oboe). Das Hauptthema mit seiner hebräischen Färbung ist der besondere Höhepunkt der Komposition. Die wirkt mitunter vielleicht noch ein klein wenig steif, darf aber trotzdem zu den schönsten Deutschen Filmmusiken der letzten Jahre zählen.
Eine vergleichbar eigenständige Arbeit ist die zu Das Paradies auf Erden allerdings nicht. Der gewählte Ansatz sieht eine kammermusikalische Besetzung vor, in der das Spiel der Gambe (in Begleitung von Laute und Gitarre) zusammen mit sirenenhaften Vokalisen der Musik ihren Stempel aufdrücken. Es sind dennoch stimmungsvolle, spröde Klanglandschaften, die Annette Focks hier entfaltet - und das ist zumindest für das Thema des Filmes vollkommen angemessen.

Die drei überaus gelungenen Suiten zeugen von einer Komponistin, die nicht nur ihr Handwerk beherrscht sondern offenbar zugleich auch über die größte stilistische Bandbreite der in der ersten Staffel von Komponiert in Deutschland vorgestellten Künstler verfügt. Allein schon deshalb dürfte uns ihr Name in Zukunft sicher noch viel häufiger begegnen - auch wenn oder möglicherweise gerade weil man bei ihr nach den eigenwilligen Klangexperimenten vieler ihrer deutschen Kollegen (siehe unten) vergeblich sucht.

Folge 2: Katia Tchemberdji:

Katia Tchemberdji
CD-Cover
© Normal Records
Die zweite Folge der Reihe befasst sich mit der Arbeit der 1960 in Moskau geborenen, seit der Wende aber in Berlin lebenden Komponistin Katia Tchemberdji, die am Moskauer Konservatorium an der Zentralen Schule für Musik studiert hat. Die klassische Musikausbildung hat sich bezahlt gemacht: Anders als viele zeitgenössische Kollegen kommt die Arbeit der Berlinerin ohne elektronische Spielereien aus. Für die Geschichte einer zerfallenden Familie in Frau fährt, Mann schläft (2004) greift sie anders als man erwarten könnte, nicht auf Stilismen eines Thomas Newman zurück, sondern wählt durchaus überraschend eine kammermusikalische Begleitung: Streicher, Klavier und Flöte sind zu hören. Geschickt akzentuiert sie die schwermütigen Stimmungen der Filmhandlung, lässt die Streicher sekundenlang in hohen Lagen ausharren und unterstreicht so wirkungsvoll die Qual der Familie angesichts des verstorbenen Sohnes. Das Wechselspiel zwischen Klavier und Streichern charakterisiert den Schwebezustand, in dem sich die Familiengemeinschaft befindet. Der Einsatz der Flöte setzt dazu einfühlsame Zwischenpunkte. Doch insgesamt handelt es sich trotz eines recht schönen Klavierthemas um eine spröde, im Tonfall schwermütige Tonschöpfung.
Auch die Musik zum Liebesdrama Rauchzeichen (2005) aus Rudolf Thomes Zeitreisen-Trilogie ist kammermusikalisch angelegt: Die Besetzung ist hier sogar noch kleiner: Mit Cello, Klavier, Akkordeon und Flöte bestreitet Katja Tchemberdji die Vertonung und setzt dazu Vokalisen der Sängerin Miko Kanesugi ein. Die Geschichte um einen 60jährigen Mann, der auf der Suche nach seiner Ex-Frau nach Sardinien reist und sich dort neu verliebt, begleitet die Komponistin mit einfühlsamen und lyrischen Klängen, die dank des Akkordeons etwas südländischen Charme entfalten ohne dabei aber in folkloristische Klischees abzugleiten. Ein wenig erinnert die Musik an eine im Gestus deutlich zurückgenommene Variante von Luis Bacalovs Il Postino (1995). Doch auch hier bleibt der Tonfall trotz leichter Momente überwiegend melancholisch. Bezeichnenderweise sind zwei Stücke mit dem Titel "Todesmotiv" belegt.
In der letzten auf der CD vertretenen Komposition zum Liebesfilm Du hast gesagt, dass du mich liebst geht die Reduktion in der Besetzung noch einen Schritt weiter: Schon als sie das Drehbuch zum Film gelesen habe, hätte sie dem Regisseur vorgeschlagen, nur ein einziges Instrument zu verwenden. Das Ergebnis sind - ganz im Gegensatz zur üblichen Arbeitsweise Katia Tchemberdjis - Improvisationen auf dem Klavier. Auch diese von ruhigen Etüden geprägte Komposition passt aber in das Bild einer talentierten Filmkomponistin, die nicht nach Amerika schielt, sondern durchaus versucht, eigene Wege zu gehen.

Folge 3: Martin Todsharow:

Martin Todsharow
CD-Cover
© Normal Records
Martin Todsharow ist möglicherweise der bekannteste Komponist der ersten Staffel von "Komponiert in Deutschland". Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass seine Arbeiten bislang recht gut auf Tonträger dokumentiert sind: Unter anderem gibt es CDs zu Elementarteilchen, Die Unberührbare, Tattoo, Der Rosenkavalier und den von Alhambra veröffentlichten Sampler Todsharow. Diese Musiken bilden im Wesentlichen auch die Basis der neuen Kompilation auf zwei CDs, wurden aber zu Suiten zusammengefasst und zum Teil um bislang unveröffentlichtes Material ergänzt. Auf beiden CDs zeigt sich Todsharow von jeweils unterschiedlicher Seite: Die erste, bestückt hauptsächlich mit seinen Vertonungen zu Dramenstoffen, bietet meist von einer kleinen Besetzung (Celli, Violinen, Xylophon, Harfe und Klavier) getragene und hier und da um elektronische Effekte ergänzte Stücke. Es sind spröde, oftmals atmosphärische Klanglandschaften, die Todsharow kreiert hat. Meist sind nur kurze fragmentartige Melodieläufe zu hören. Markante Themen oder Motive, die haften bleiben, sucht der Hörer vergebens. Wenngleich mitunter eine gewisse Nähe zum US-Kollegen Thomas Newman auffällt, sind die musikalischen Welten Todsharows eigentümlich genug, um sich vom Vorbild zu lösen. Besonders stark fällt dies ihm Highlight der ersten CD auf: der Musik zu Oskar Roehlers Beziehungsdrama Der alte Affe Angst. Die mit einer Viertelstunde großzügig bemessene Suite bietet ein schon fast als klassizistisch zu bezeichnendes Zusammenspiel von Streichern und Klavier. Leider verlässt Todsharow jedoch auch hier nicht den distanzierten, spröde-melancholischen Grundton, der offenbar fast allen seiner Musiken eigen ist.

Im Prinzip gilt dies auch für die zweite "kalt, hart funkelnd" überschriebene CD, die sich Todsharows Arbeiten im Action- und Thriller-Genre widmet. Hier begegnen dem Hörer in der Tat härtere Rhythmen, die sich aus Hiphop-, Trance- bzw. Lounge-Musik speisen. Darüber jazzige Einschübe (das obligatorische Saxophon-Spiel) , avantgardistische Elemente und immer wieder das schon von der ersten CD bekannte spröde Spiel der Streicher, vor allem der Celli. So ganz mag sich Todsharow allerdings auch bei diesen Musiken nicht vom rein funktional bestimmten Vertonungsansatz lösen. Wenngleich mancher Rhythmus mitreißt und gelegentlich durchaus interessante Ideen und Elemente aufblitzen, bieten die Musiken letztendlich zu wenig, um autonom zu funktionieren.

Folge 4: Stefan Will:

Stefan Will
CD-Cover
© Normal Records
Einen wiederum etwas anderen Weg geht Stefan Will in seinen Kompositionen: Seine Vertonungen kann man eher als ein atmosphärisches Kolorit begreifen, das Stimmung und Atmosphäre des jeweiligen Filmes nachspürt. Am bekanntesten ist Will wohl für seine Zusammenarbeit mit Christian Petzold bei dessen psychologisierenden Dramen wie Die Innere Sicherheit, Toter Mann oder Yella. Der Musikeinsatz bei diesen Produktionen ist äußerst sparsam, meist gibt es nur ein einzelnes Thema oder Motiv, das in zentralen Szenen der Auflockerung oder als Symbol für die Katharsis einer Filmfigur dient. Wenig überraschend sind die Vertonungen von Stefan Will deshalb sehr zurückhaltende Klangspielereien, oftmals dominiert von Streichern und Klavier, mitunter von elektronischer Rhythmik begleitetm und manchmal wie im Easy Listening des Frühwerks Cuba Libre (1996) oder Joe’s last Job auch mit Jazzeinflüssen versehen. Will sieht seine Wurzeln im Bebop und Modern Jazz. Dementsprechend ist er im Gegensatz zu Annette Focks und Katia Tchemberdji nicht der klassischen Orchestermusik verpflichtet. Seine kurzen musikalischen Texturen stehen voll und ganz im Dienste des jeweiligen Filmes und lassen sich, wenngleich mitunter passable Motive (sehr schön z.B. das attraktive Streicherthema aus Die Verlorenen) aufscheinen, kaum von den zugehörigen Bildern lösen. Das gilt beinahe ausnahmslos für die vierzehn hier in aller Kürze (kaum ein Stück dauert länger als 2 Minuten) vertretenen Arbeiten. So eignet sich diese vierte Ausgabe der "Edition Filmmusik - Komponiert in Deutschland" in erster Linie als aufschlussreiches Studienobjekt und weniger als eigenständiges Hörerlebnis.

Fazit:

Ein Projekt wie "Komponiert in Deutschland" besitzt hierzulande im derartigen Ausmaß (vier weitere Folgen befinden sich bereits in Planung) absoluten Seltenheitswert und verdient schon allein deshalb Beachtung. Auch wenn nicht jede der vertretenen Musiken für ein Eigenleben jenseits der Filme, für die sie geschrieben wurden, geschaffen ist, bieten sich hier doch spannende Einblicke in die gegenwärtige deutsche Filmmusikszene. Für alle, die sich näher mit den hiesigen Komponisten befassen möchten, ist die Reihe geradezu unverzichtbar. Ob sich jedoch viele Gelegenheitshörer mit den zum Teil sperrigen Musiken werden anfreunden können, bleibt fraglich. Dennoch gebührt Normal Records und der Zeitschrift filmdienst viel Lob für das ehrgeizige und ambitionierte Projekt. (mr)

CD-Info "Annette Focks":
Normal Records EF 001
Vier Töchter: Münchener Filmphilharmoniker, dirigiert von Annette Focks
Die Kirschenkönigin: Slovak Radio Symphony Orchestra, dirgiert von Allan Wilson
61:42 Min.

CD-Info "Katia Tchemberdji:
Normal Records EF 002
57:26 Min.

CD-Info "Martin Todsharow":
Normal Records EF 003
54:22 Min. / 62:15 Min.

CD-Info "Stefan Will":
Normal Records EF 004
56:23 Min.