Das gewisse Etwas im Kaufhaus – Patrick Doyle in Braunschweig

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Patrick Doyle und Festivalleiter Michael P. Aust

Links und rechts von der Filmleinwand führen Rolltreppen in die Galerie der Schlossarkaden. Die letzten Kunden verlassen gerade das Haus. Eine Filmvorführung mitten in einem Einkaufscenter? Geht das? Wie wird die Akustik? Und warum ausgerechnet dieser Ort? Zweifellos hat das Braunschweiger Filmfestival für das Stummfilmkonzert zu It – Das gewisse Etwas eine ungewöhnliche Location ausgewählt – auch wenn der Film von 1927 selbst zum Teil in einem mondänen Kaufhaus spielt und mit Clara Bow das vielleicht erste „It-Girl“ der Filmgeschichte präsentiert. Zweifel waren also durchaus berechtigt.

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Patrick Doyle

Doch bereits als die ersten Takte der neu komponierten Filmmusik des Schotten Patrick Doyle (Henry V, Cinderella) erklangen, wurden alle Bedenken ob des gewagten Experiments sofort zerstreut. Der kristallklare Klang der beschwingt-verzückenden Komödienmusik erfüllte den „Saal“ mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Der unterhaltsame Film von 1927 erzählt von einer jungen Kaufhausangestellten mit dem gewissen „It“-Faktor, die sich nach einigen Irrungen und Wirrungen den Chef angelt. Doyles Musik, die 2013 für das Filmfestival in Syrakus entstand, illustriert die Handlung mit eingängiger Melodik, wie man sie aus seinen besten Kompositionen kennt. Das Hauptthema ist ein kleiner Ohrwurm, den Doyle raffiniert durch die Stimmungen der Handlung trägt.  Das Klavier setzt er als tragendes Begleitinstrument ein, eine Reverenz an die Ära des klassischen Stummfilms. Das Spiel der Streicher mit ausschwingenden Melodien und reizvollen Pizzicati orientiert sich freilich an modernen Komödien-Standards und bringt den Film auf wundersame Weise in unsere Zeit. Über allem thront die unverkennbare Handschrift des Komponisten, die dieser zuletzt in anderen Filmen leider viel zu oft den Bedürfnissen des modernen Action-Kinos unterordnen musste.

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Patrick Doyle

Davon ist bei It nichts zu spüren. Doyle Musik überzeugt als gute Musik ebenso wie als funktionale Filmmusik. Mit präzisem Timing unterstützt sie den charmanten Humor des Filmes auf fulminante Weise. Die Gags funktionieren auch heute noch erstaunlich gut – woran die musikalische Unterstützung beträchtlichen Anteil hat. Die Zuschauer in den Braunschweiger Arkaden sahen das vermutlich ähnlich und waren regelrecht hingerissen, quittierten die Aufführung mit euphorischem Applaus. Selten sah man das Festival-Publikum ein Konzert so zufrieden und mit einem derartigen Strahlen im Gesicht verlassen. Ohne Frage: Dieser musikalische Kinoabend hatte das gewisse Etwas.

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