Bridge of Spies – Thomas Newman

Tom Hanks & Mark Rylance © 2015 Twentieth Century Fox

Eine halbe Stunde lang kommt Steven Spielberg in Bridge of Spies – Der Unterhändler ohne Musik aus. Erst dann setzen die ersten Takte der Vertonung von Thomas Newman ein. Es ist eine klassische Spannungssequenz bei Dunkelheit und strömenden Regen: Der von Tom Hanks gespielte Anwalt James B. Donovan, der einen russischen Spion verteidigt, fühlt sich verfolgt und sucht hinter einem Auto Zuflucht. Thomas Newman begleitet diese Szene, die in den späten 50er Jahren spielt, etwas anachronistisch mit Klavier und Elektronik. Doch auch sonst erscheint sie erstaunlich:  Zum einen natürlich dadurch, dass Thomas Newman die Musik komponiert hat und nicht Spielbergs langjähriger Partner John Williams. Zum anderen weil der sonst eher für großzügigen Musikeinsatz bekannte Starregisseur seinen Film vorher so lange ohne Töne auskommen lässt. Spielberg hat in einem Interview bekräftigt, der späte Musikeinsatz sei bereits mit Williams verabredet gewesen, noch bevor Newman den krankheitsbedingt verhinderten Altmeister notgedrungen ersetzen musste. Sieht man den fertigen Film, bleibt die Motivation hinter dieser Entscheidung trotzdem etwas diffus. Zwar handelt es sich um eine einigermaßen wichtige Szene, da Donovan in ihr erstmals mit den Folgen seines Handelns konfrontiert wird. Doch Newman vertont diesen Wendepunkt derart zurückhaltend, dass er es versäumt, ihn mit einem auffälligen dramaturgischen Akzent zu unterstreichen.

Tom Hanks © 2015 Twentieth Century Fox

Auch wenn das dem sehenswerten Historiendrama nicht schadet, ist der beschriebene Musikeinsatz dennoch symptomatisch für eine Komposition, die immer wieder unglücklich und nicht unbedingt subtil agiert. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Szene, in der Donovan vor Gericht eine flammende Rede für den angeklagten Sowjet-Agenten Abel hält: Sie wird von Newman mit einem Ausbruch feierlicher Americana begleitet. Die Streicher wogen auf, die Hörner tönen weihevoll. Das mag auf dem ersten Blick naheliegen. Schließlich inszeniert Spielberg mit Bridge of Spies Erzählkino in bester ur-amerikanischer Tradition und tritt insbesondere für die in der Verfassung verankerten Grundrechte ein. Andererseits richtet sich der Film aber auch sehr entschieden gegen einen übereifrigen Nationalismus, der in Hass und Rassismus umschlägt. Er rückt die Menschen jenseits ihrer Nationalität als Spielbälle von Geheimdiensten und Politik in den Vordergrund. Newmans ungebrochener Streicherwohlklang aus US-Amerikanischer Patriotismus-Brille wirkt in diesem Zusammenhang seltsam einseitig. Als wolle der Komponist auf Nummer sicher gehen, um den heimischen Zuschauer nicht mit unerwarteten Zwischentönen zu irritieren.

Kurios erscheint auch, dass der Schauplatz Berlin keine musikalische Entsprechung findet. Die Zeit des Mauerbaus 1961 wird in den Bildern des Kameramanns Janusz Kamiński und dank exzellenter CGI-Tricks überraschend lebendig eingefangen. Doch in Newmans gediegener Musik, die allein auf bewährte Vertonungsschemata zurückgreift, ist davon wenig zu spüren. Die  Vertonung bleibt vollständig im Bereich des zu Erwartenden. Die einschmeichelnden Streichermelodien, die zarten Tupfer der Holzbläser, die nervös flirrenden Klangkollagen – das alles ist im Positiven wie im Negativen so typisch für Thomas Newman, dass man schon fast das Attribut „manieristisch“ verwenden möchte.

An der Mauer: Tom Hanks © 2015 Twentieth Century Fox

Dass das Urteil am Ende dann doch gnädiger ausfällt, liegt daran, dass  der amerikanische Komponist nach mehreren Dekaden im Geschäft inzwischen doch ein versierter Routinier ist. Den ein oder anderen attraktiven melodischen Einfall schüttelt Newman bei aller Kritik spielend aus dem Ärmel. Und so geht seine Musik auch nicht einfach qualitativ baden. Der Einsatz des Chores für die Schattenmacht Russland („Hall of Trade Unions, Moscow“, “The Wall“) erweist sich als ebenso plakativer wie effektvoller Einfall. Und auch die Zuspitzung des Konflikts in der zehnminütigen Schlüsselsequenz auf der Glienicker Brücke überzeugt: Wenn die subtil angelegte Spannungsuntermalung mit ihrer feinen motivischen Verzahnung schließlich in kraftvollen Militärrhythmen mündet, dann ist das durchaus packend. Ohnehin taugen insbesondere die letzten drei Stücke der Filmmusik als eindrucksvolle Suite zum losgelösten Hören.  Doch können diese starken Momente nicht darüber hinwegtäuschen, dass die gefällige Vertonung vor allem im Kontext des Filmes enttäuscht. Das angesichts der filmischen Vorlage vorhandene Potential für eine konzeptuell raffinierte Vertonung schöpft sie bestenfalls nur in Ansätzen aus.


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