Babylon Berlin – Tom Tykwer & Johnny Klimek: „Aus alt mach neu“

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Mithalten können auf dem internationalen Fernsehmarkt. Dieser Traumvorstellung ist das deutsche Fernsehen in den letzten Jahren ein deutliches Stück näher gekommen. Vor allem Deutschland ´83 und Dark feierten veritable Achtungserfolge. Das wohl größte Prestigeprojekt der jüngeren Vergangenheit bleibt aber zweifellos Babylon Berlin, eine ambitionierte Koproduktion zwischen ARD und dem Bezahlsender Sky, ausgestattet mit einem üppigen Budget von rund 40 Millionen Euro. Die Krimiserie führt den Zuschauer mitten in die Wirren der Weimarer Republik, genauer gesagt in das turbulente Berlin des Jahres 1929.  Der aus Köln in die Hauptstadt versetzte Kommissar Gereon Rath soll bei der Sitte einen Erpressungsfall im Porno-Milieu aufdecken, gerät aber schnell in eine viel weitreichendere Verschwörung um einen mysteriösen Goldzug aus Russland, auf den es nicht nur die Berliner Unterwelt, sondern auch Kommunisten und Rechte abgesehen haben. Und natürlich sieht sich der Polizist auch den politischen Strömungen der Zeit ausgesetzt, die bereits das Ende der jungen Demokratie ankündigen, natürlich ohne dass es die handelnden Figuren vorausahnen könnten.

Als Vorlage der ersten beiden Staffeln diente Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“. Doch im Gegensatz zum Buch, das eine geradlinige Kriminalgeschichte in den sorgfältig recherchierten historischen Kontext einbettet, will die Serie größere Erzählbögen spannen. Und das erfordert einschneidende Veränderungen: Entsprechend gehen die Autoren nicht gerade zimperlich mit dem Quell-Material um: Sie führen neue Erzählstränge ein, erfinden Action-Szenen hinzu und verändern die Figuren samt ihren Motivationen. Am augenfälligsten geschieht dies bei der Figur der Charlotte Richter. Bei Kutscher arbeitet die aufstrebende Jurastudentin als Stenotypistin in der Mordkommission und empfiehlt sich für höhere Aufgaben. Ganz anders dagegen in der Serie: Hier entstammt sie einem Elendsmilieu und verdingt sich nachts ihren Lebensunterhalt als Prostituierte im mondänen Nachtclub Mocka Efti. Während sie im Roman von Rath quasi hintergangen wird, dreht die Verfilmung diese Verhältnisse radikal um: Hier ist sie es, die den Kommissar im Auftrag des Chefs der Sitte ausspioniert. Und schlimmer noch: Rath darf sie ein ums andere Mal aus einer lebensgefährlichen Situation retten. Dass ihre Rolle derart konventionell zum männlichen „Sidekick“ reduziert wurde, erscheint seltsam mutlos. Zum Glück gelingt es aber der Newcomerin Liv Lisa Fries, der Figur, allen Klischees zum Trotz, mit ihrem frischen Spiel viel Leben einzuhauchen.

Und das hat die Serie dringend nötig. Denn Licht und Schatten liegen in Babylon Berlin dicht beieinander. Als Zuschauer bereitet es zwar einen Heidenspaß, in das aufwändig rekonstruierte Berlin der ausgehenden Zwanziger einzutauchen. Die Nachtclubs, der mit viel CGI überzeugend nachgestellte Alexanderplatz und der Blick in die ärmlichen Mietwohnungen der Unterschicht, das alles beeindruckt. Doch die Inszenierung entwickelt darüber hinaus keinen echten Sog. Sie schafft es viel zu selten, den Taumel der Republik, das Lebensgefühl und den speziellen Zeitgeist einzufangen. Das liegt auch daran, dass sie sich kaum einmal traut, einfach innezuhalten. In den wenigen Momenten, in denen sie es doch tut, spürt man sofort das anderweitig verschenkte Potential: Die grandios choreographierte Tanzszene im Moka Efti am Ende der zweiten Episode zeigt eine ganze Generation am Siedepunkt. „Zu Asche zu Staub“ haucht die schillernde Gräfin Sorokin (Severija Janušauskaitė) mit kantigem Russland-Dialekt ins Mikrofon. Die zuckenden Leiber der Tanzenden vibrieren dazu in Ekstase. Raum und Zeit verlieren sich. Es ist ein Musikstück, das offenkundig zu modern für die Zeit ist, aber beinahe doch denkbar wäre und gerade darum wahrhaftig wirkt. Eine andere Szenenfolge bleibt dagegen unscheinbarer: Da vergnügen sich einige der Hauptfiguren an einem sommerlichen Sonntagnachmittag unbeschwert beim Baden an der Havel, ganz ohne historische Kulissen oder Schaueffekte und doch fühlt man sich als Zuschauer dem Zeitgefühl der späten Zwanziger in diesen Szenen ganz nahe.

Liv Lisa Fries als Charlotte Richter

Solche wunderbaren Stimmungsmomente bleiben aber die Ausnahme. Probleme bekommt Babylon Berlin immer dann, wenn die Serie zu sehr einschlägigen US-Vorbildern nacheifert, abgedroschene Cliffhanger bemüht oder es in den Action-Szenen übertreibt. Ärgerlicher Höhepunkt in dieser Hinsicht ist der Showdown auf dem Zugdach am Ende der zweiten Staffel, der nicht nur deshalb albern wirkt, weil er angesichts des Budgets erbärmlich getrickst ist, sondern auch weil er die Figur des Gereon Rath erzählerisch unnötig zum stählernen Helden überhöht. Mit dieser Überzeichnung untergräbt die Serie den eigenen Anspruch, eine spannende Krimihandlung mit schillernder Zeitgeschichte zu verknüpfen.

Wie schwer es Babylon Berlin immer wieder fällt, beides miteinander zu verbinden, zeigt auch der Blick auf die Filmmusik von Tom Tykwer und Johnny Klimek, die einen auf den ersten Blick unmöglichen, aber vermutlich wohlkalkulierten Spagat vollziehen muss: Einerseits soll sie sich nämlich wirkungsvoll in die Zeit einfühlen, andererseits aber auch ein junges Publikum mit einer zeitgemäßen Vertonungssprache abholen. Eine Weile gelingt das schwierige Unterfangen sogar auf kongeniale Weise: „Eine Frau in Berlin“ offenbart ein aufwändiges, detailverliebtes Arrangement, welches raffiniert die Grenzen zwischen den musikalischen Ebenen verschmelzen lässt: Eine melancholische Melodie auf der Soli-Klarinette weicht schnell Charleston-typischen Rhythmen, die mal aus dem Computer kommen, mal von Klavier oder dem Schlagzeug vorangetrieben werden. Das Klarinetten-Thema kehrt wieder. Frenetische Klavierläufe setzen ein und immer schnellere Beats steigern das Tempo stetig weiter. In der Serie begleitet diese Musik Charlotte Richter auf ihrem Weg vom einfachen Zuhause bis hinein in die glamouröse Welt des zwielichtigen Nachtclubs. Und da kollidieren Welten: Armut trifft auf Dekadenz, Trostlosigkeit auf progressive Aufbruchstimmung. Entsprechend die Tonspur: Hier fusioniert die Filmmusik des Jahres 2017 auf packende Weise mit der Tanzmusik der Zwanziger. Für ein paar Musikstücke bleiben Tyker und Klimek dieser Vorgehensweise treu und überraschen immer wieder mit bemerkenswerten Stilexperimenten. Doch dann kommt es zum unerwarteten Bruch. Plötzlich beginnen die Stereotypen des aktuellen Fernseh-Scorings zu überwiegen. Geräuschhaftes, treibende Beats und tiefe Synthie-Bässe nehmen immer größeren Raum ein. Beispielhaft dafür ist „Der Prangertag“, jene Folge, in der die oberste Heeresführung ein Attentat auf Außenminister Gustav Stresemann verüben will: Die Suspense-Sequenz, die zur letztlichen Vereitelung der Tat führt, vertonen Klimek und Tykwer mit pulsierenden elektronischen Loops, wie man sie vor allem aus dem gegenwärtigen Action-Kino kennt.

Ob in der zweiten Staffel aus ökonomischen Gründen das Musik-Budget gekürzt wurde – in Deutschland keine Seltenheit – oder einfach der immense Zeitdruck der Serienproduktion keinen Raum mehr für kreative Experimente ließ, wird so schnell wahrscheinlich keiner der Verantwortlichen verraten. Über die Gründe der Verflachung lässt sich ohnehin nur spekulieren. Letztendlich ist es aber trotzdem äußerst schade, weil die Serie in musikalischer Hinsicht die bemerkenswerte konzeptuelle Grundidee leichtfertig herschenkt. Das macht die Produktion zwar nicht kaputt. Babylon Berlin bleibt allen Schwächen zum Trotz eine unterhaltsame, sehenswerte Serie. Doch unterm Strich scheitert eine der größten deutschen Prestige-Produktionen künstlerisch am fehlenden Mut, die in Ansätzen vorhandenen eigenen Wege konsequent zu beschreiten. Ein bisschen merkt man der Produktion dann doch die vielen Kompromisse und Zugeständnisse an, welche offenbar nötig waren, um das Projekt überhaupt realisieren zu können. Beim Sehen ahnt man förmlich, wieviele Köpfe in den Chefetagen der beteiligten Studios mitgeredet und Einfluss genommen haben. Und genau darin liegt die Krux: Ohne konsequent verfolgte künstlerische Version wird es in Deutschland auch weiterhin schwer bleiben, auf dem internationalen Serienmarkt zu bestehen. Immerhin hat Babylon Berlin geholfen, verkrustete Strukturen ein wenig aufzubrechen, konnte gewinnbringend in zahlreiche Länder verkauft werden. Das ist immerhin ein Anfang. Und wer weiß? Vielleicht hilft dieser Achtungserfolg ja dabei, den Weg für ähnlich ambitionierte Projekte in der Zukunft zu ebnen.

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