Annihilation – Geoff Barrow & Ben Salisbury:
„Über den Dingen schweben“

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Die Musik in Auslöschung – Annihilation ist einfach nur da. Sie schwebt wie eine Klangwolke über der Handlung – völlig entrückt und seltsam gleichmütig. Sie ist damit vielleicht das perfekte akustische Sinnbild für das unbegreifliche Phänomen des „Schimmers“, mit dem Regisseur Alex Garland (Ex-Machina) die Zuschauer in seinem neuen Film konfrontiert. Der Schimmer, das ist ein Areal, aus dem Menschen nicht mehr zurückkehren oder wenn sie es doch tun, nicht mehr sie selbst sind. Einer der wenigen, der nach über einem Jahr plötzlich doch wieder auftaucht, ist der Ehemann der Zell-Biologin Lena (Natalie Portman). Mit lebensbedrohlichen Verletzungen landet er im Krankenhaus. Um ihrem Mann zu helfen, schließt sich Lena, selbst ehemalige Soldatin, einem Forschertrupp an, der den sich ständig ausbreitenden Schimmer erkunden und das Mysterium lösen soll. Doch das erweist sich als Himmelfahrtskommando und eine Reise in das Herz der Finsternis zugleich. Denn schon kurz nach dem Betreten des Areals beginnen die vier Forscherinnen unter Gedächtnisverlust zu leiden und werden von monströs mutierten Kreaturen attackiert. Die vom Schimmer umschlossene Welt zeigt sich ihnen als bizarres Zerrbild der bekannten Natur, gleich den Wucherungen eines bösartigen Tumors, wie Lena es einmal treffend umschreibt. Und damit wird den Frauen schnell bewusst, dass niemand, der dieses seltsame Reich einmal betreten hat, auf Dauer von dem allgegenwärtigen Prozess der Veränderung verschont bleiben wird.

Annihilation ist ein Film, der seine Figuren nicht nur im Sinne einer genretypischen Dramaturgie bedroht, sondern sie zugleich einer mysteriösen Zersetzung und Wandlung ausliefert. Die vier Frauen auf ihrem Weg in den Schimmer zu begleiten, wird deshalb bei aller Spannung, die der Film aufbaut, für den Zuschauer zu einer beunruhigenden, geradezu quälenden Erfahrung. Natürlich hat Alex Garland damit mehr im Sinn als nur die vordergründige Begegnung mit einer übersinnlichen Kraft. Auf der metaphysisichen Ebene geht es im um die selbstzerstörerischen Kräfte, die in jedem Menschen wohnen, ganz gleich, ob die Dämonen nun von außen oder innen kommen. Und damit bietet er eine Projektionsfläche an, die viele Assoziationen zulässt: Man mag an den fortschreitenden Verlauf einer Krebs- oder Demenz-Erkrankung denken oder an die fatalen Auswirkungen einer Drogensucht. Bei Lena muss man so weit nicht gehen: Sie hat sich, wie der Film in Rückblenden erzählt, zu einer Affäre hinreißen lassen und damit das eigene Leben aus dem Gleichgewicht gebracht. Denn erst die daraus resultierende Ehekrise hat ihren Mann überhaupt dazu bewogen, sich auf die gefährliche Mission einzulassen.

Die Filmmusik von Porthishead-Mastermind Geoff Barrow und seinem britischen Kollegen Ben Salisbury findet stimmige musikalische Bilder für das unerklärliche physikalische Phänomen. So wie der Schimmer alles in ihm befindliche Leben verändert, wird auch auch die akustische Ebene zu einem bizarren Zerrspiegel der gewohnten Realität. Um diese Wirkung zu erzielen, hat das Komponisten-Duo das Spiel akustischer Instrumente am Computer bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet und verfremdet. Dabei kommen ungewöhnliche Klangkörper wie das Waterphone (eine Art Wassertrommel) zum Einsatz. Aber auch Streicher, Bläser oder menschlische Stimmen lassen sich in den collagen-artigen Klängen erahnen. Auf diese Weise entsteht ein faszinierender Klangkosmos, der einen starken Sog entwickelt, zugleich aber auch im starken Kontrast zum Leinwandgeschehen steht. Während die Handlung nämlich die Grundprinzipien des Horrorkinos durchexerziert, löst sich die Musik bewusst von der vordergründigen Narration. Sie bleibt auf Distanz, illustriert kaum und lässt sich auch nicht zu Empathie für die Figuren hinreißen. Da wirken selbst die folkigen Gitarrenakkorde in einigen der frühen Szenen wie ein bizarrer Fremdkörper im akustischen Erscheinungsbild.

Diese gewollte Unnahbarkeit trägt viel zur Desorientierung der Zuschauer bei, weil alle durch musikalische Konventionen nahegelegte Erklärungsmodelle nicht greifen wollen. Der Effekt wird umso stärker, da Garland sich auf visueller Ebene durchaus genretypischer Vorbilder bedient: Lenas Konfrontation mit dem Bären zitiert überdeutlich Aliens. Im Ergründen eines unerklärlichen Phänomens fühlt man sich an Arrival oder gar Kubricks 2001 erinnert. Und wenn der Trupp durch den Dschungel zieht, evoziert das Bilder aus Spielbergs Dinosaurierspektakel Lost World. Allein die Musik verweigert sich beharrlich diesem Spiel mit den filmischen Referenzen. Sie hält sich genauso unergründlich wie indifferent im Hintergrund.

Ganz greifbar wird der abgründige Trip von Annihilation bei allen hilfreichen Interpretationsansätzen ohnehin nicht. Der allegorische Gehalt des Filmes hallt zwar lange nach. Doch das Drehbuch unterfüttert die zentralen Ideen mit erstaunlich wenig Inhalt. Und so gibt es ein Missverhältnis zwischen vorgegebener philosophischer Tiefe und einer Inszenierung, die immer wieder auf klassische Schockeffekte zugrückgreift, um das Publikum bei der Stange zu halten. Zwischen Anspruch und Realität klafft eine beträchtliche Lücke. Dies führt dazu, dass der Film trotz seiner mutigen Drehbuch-Konstruktion phasenweise ins Prätentiöse abzudriften droht. Und das wird auch zu einem Problem für die Filmmusik. Denn sie kann das nicht auffangen, weil sie in ihrem Grundverständnis kaum über das bloße Erzeugen von Atmosphäre hinausgeht.

Zumindest beim finalen Showdown im Leuchtturm setzen Salisbury und Barrow einen späten, aber umso dringlicher benötigten Kontrast: Das markante Vier-Noten-Thema für das „Alien“, das bereits im Filmtrailer für Fuore sorgte, ist ein starker Einfall, der sich mit unnachgiebiger Dringlichkeit in die Gehörgänge bohrt. Die Musik wechselt dazu phasenweise vollständig auf die elektronische Ebene und konfrontiert den Hörer mit bizarren Klängen, die tatsächlich den Eindruck machen als wären sie nicht von dieser Welt. Als Zuschauer fühlt man sich zu diesem Zeitpunkt längst dem audiovisuellen Zauber des Filmes erlegen. Aber selbst ohne zugehörige Bilder entfaltet der Beitrag von Barrow und Salisbury eine erstaunliche hypnotische Wirkung, bei der jegliches Zeitgefühl zu verschwimmen scheint.

Dass die Filmmusik trotz dieser Qualitäten nicht über ein faszinierendes Klangexperiment hinausgeht, liegt an ihrer etwas zu hartnäckigen Weigerung, konkret zu werden. Aber natürlich passt das auch zu einem Film, dessen metaphysische Reise sich nicht festnageln lässt und der eine wilde Ansammlung von Stilelementen zu einem seltsamen Filmbastard mischt. Ein wenig ratlos lässt Annihilation den Zuschauer deshalb schon zurück. Großes Meisterwerk oder doch ein Fall von „des Kaisers neue Kleider“? Letztlich bleibt die Antwort hierauf eine Frage des individuellen Geschmacks. Nur eines ist klar: Bei aller Faszinationskraft bleibt der Film deutlich hinter seinem aufregenden Potential zurück. Und daran ist auch die experimentierfreudige Musik nicht ganz unschuldig.

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