An Unfinished Life (rejected score) – Christopher Young

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Die finale Musik von Deborah Lurie

Um abgelehnte und daher meist ungehörte Filmmusiken ranken gerne wundersame Legenden. Insider, die die Musik als erstes hören durften, sprechen vom Meisterwerk, das unverdientermaßen in den Archiven der Studios Staub ansetzt. Fans des Komponisten echauffieren sich, dass ausgerechnet die Arbeit ihres Lieblings keine Gnade in den Augen der Produzenten fand. Wenn die Musik dann tatsächlich einmal dem Vergessen entrissen wird, tritt beim kritischen Hörer oftmals schnell Ernüchterung ein. Ein solcher Fall liegt wohl auch bei Lasse Hallstroems Drama An Unfinished Life – Ein ungezähmtes Leben vor: Gleich zwei Musiken hat Christopher Young für den gefloppten Film geschrieben. Beide wurden sie abgelehnt. Schließlich wurde Youngs Schülerin Deborah Lurie verpflichtet, für Ersatz zu sorgen – eine Aufgabe die sie trotz störender Nähe zu Thomas Newman recht ordentlich meisterte. Nun hat sich Varèse Sarabande in strenger Limitierung (auf nur 1000 Exemplare) innerhalb des CD-Clubs der Young-Vertonung angenommen. Die CD ist zweigeteilt: die erste Hälfte bietet die eigentliche abgelehnte Musik, die zweite vierzehn Stücke für Soloklavier, die als Demos während des Entstehungsprozesses verwendet wurden. Wenig überraschend war die Veröffentlichung innerhalb weniger Tage komplett vergriffen.

Young hat für Hallstroems Film eine intime, von Country- und Jazzeinflüssen durchsetzte Vertonung geschaffen. Das kleine Ensemble aus Streichern, Gitarre, Flöten und Klavier erzeugt Klangbilder, die wieder einmal Thomas Newmans Pferdeflüsterer hinterher hecheln, ohne aber den Einfallsreichtum des Vorbildes auch nur annähernd zu erreichen. Erst in den letzten beiden Stücken („Sins of Happiness“ & „We begin at the End again“) wird das nette, aber letztlich blasse Hauptthema zur vollen orchestralen Blüte ausgespielt – hier werden Erinnerungen an die feine Shipping News-Vertonung (ebenfalls ein Hallstroem-Film) wach. Doch derartige Höhepunkte sind rar gesät. Viel zu oft verliert sich die Musik in atmosphärischen, kollagenartigen Klangflächen. Die vierzehn Klavierstücke bieten hingegen einfache, schlichte Kost – wie man sie von unzähligen „Easy Listening“-Alben aus dem Klassiksektor kennt. Auch wenn Young das spätere Hauptthema bereits ansprechend verarbeitet, kann er mit den vergleichbaren CDs des Italieners Ludovico Einaudi (zu empfehlen ist besonders dessen Konzertalbum LaScala:Concert) in punkto Variationskunst und thematischen Einfällen nicht konkurrieren.

Wer zu spät kam und beim schnellen Ausverkauf der limitierten Edition leer ausging, braucht der Musik deshalb keine großen Tränen hinterher zu weinen. Das mit knapp 79 Minuten überraschend lange Album bietet gefälliges Easy Listening, das aber unterm Strich viel zu uninspiriert und seicht bleibt, um die schlichte Ausgestaltung zu kaschieren. Zu allem Überfluss ist die editorische Leistung von Varèse Sarabande wieder einmal ärgerlich: Weder erklärt der Begleittext, welche der beiden abgelehnten Fassungen nun auf CD vorliegt, noch unter welchen Umständen die Klavierstücke der zweiten Albumhälfte zustande kamen. Die eigentliche Musik findet indes kaum Erwähnung. Stattdessen liefert das Booklet alleine einen soliden biographischen Abriss zum Komponisten. Für den stolzen Preis einer Club-CD ist das sehr mager. Gestört hat das im allgemeinen Hype um den Varèse-Club aber nur die wenigsten. Und da die Veröffentlichung nicht mehr verfügbar ist, dürfte die „Verehrung des Unerreichbaren“ in wenigen Jahren erneut kuriose Blüten treiben. Besser wird die Musik dadurch aber auch nicht.

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