All That Jazz – Die World Soundtrack Awards 2017

(Foto: Mike Rumpf)

Gent. Eine mittelgroße belgische Stadt. Mit viel Tourismus wegen des sehr hübschen mittelalterlichen Stadtkerns. Mit vielen Studenten dank seiner großen Universität. Und jeden Herbst voller Filmschaffender, Komponisten und Musiker, die das größte Filmfestival Belgiens besuchen. Mittlerweile gibt es zwar einige Konkurrenz-Veranstaltungen, doch das Festival hat als erstes seiner Art den Fokus speziell auf Filmmusik gesetzt und vergibt seit 2001 die renommierten World Soundtrack Awards. Viele Rahmenveranstaltungen wie Konzerte, Seminare und Workshops begleiten die Preisverleihung. Die meisten davon sind öffentlich zugänglich, so dass Besucher immer wieder die Gelegenheit haben, auf die offiziellen Festivalgäste zu treffen. Zu denen gehören längst nicht nur Komponisten, sondern auch Orchestratoren, PR-Leute wie Ray Costa und Beth Krakower, die Öffentlichkeitsarbeit machen, oder auch Label-Chef Robert Townson von Varèse Sarabande.

Der Festival-Jahrgang  2017 stand ganz im Zeichen des Mottos „Jazz im Film“. Als besonderem Ehrengast wurde Terence Blanchard das traditionell nach der Preisverleihung stattfindende Konzert gewidmet. Durch seine Arbeiten für die Filme von Spike Lee, aber auch seine Fertigkeiten als Trompetenspieler hat Blanchard inzwischen Weltruhm erlangt. Entsprechend wurden natürlich gezielt jene Stücke ausgewählt, die ihn als Solisten perfekt in Szene setzen.

Als letzter „Discovery of the Year“-Preisträger – das hat ebenfalls gute Tradition – durfte das Festival Joe Kraemer in Gent begrüßen. Kraemers Wahl zur Entdeckung des Jahres im Vorjahr war im Grunde ausschließlich auf die gelungene Vertonung von Mission: Impossible – Rogue Nation zurückzuführen. Doch obwohl der Amerikaner fast ausschließlich für den Filmemacher Christopher McQuarrie arbeitet, war er einer der spannendsten Gäste des Festivals. Er genoss es sichtlich, im Rampenlicht zu stehen und war bei fast allen Begleitveranstaltungen anwesend, um bereitwillig (und mehr als andere Gäste) über sein Werk Auskunft zu geben. Dabei nutzte er die Bühne aber nicht, um sich zu profilieren, sondern ging stattdessen überraschend kritisch mit sich und der Branche ins Gericht. So kam bei der Pressekonferenz nach der Verleihung aus dem Publikum die übliche Frage, welche gegenwärtigen Filmmusiken er und seine Kollegen besonders inspirierend fänden. Kraemer erwiderte darauf nüchtern, dass der Großteil der modernen Filmmusik nichts tauge, und dass aufgrund der Riesenbudgets sich kaum ein Produzent noch traue, Risiken einzugehen. Das kompositorische Handwerk sei in den vergangenen Jahrzehnten deutlich besser gewesen als derzeit. Ein Statement, das der Autor dieser Zeilen sofort bereit ist, zu unterschreiben, und eines, welches die Zusammenstellung des Festival-Programms sogar noch zu unterstreichen schien. Denn neben dem Konzert bei der Preisverleihung, gab es am Tag darauf ein „Symphonic Jazz in film music“ betiteltes Konzert, bei dem viele Perlen von Größen wie Elmer Bernstein, Alex North oder Franz Waxman oder Jerry Goldsmiths Chinatown auf dem Programm standen. Und das höhere handwerkliche Niveau dieser Könner konnte jeder unmittelbar spüren, ohne großer Musikexperte zu sein.

V. l. n. r. : Patrick Duynslaegher (Programmchef des Film Fest Gent), Rupert Gregson-Williams, Terence Blanchard, David Shire, Joe Kraemer, Gavin Brivik (Gewinner des SABAM Award Kompositionswettbewerbs)

Ein Highlight in beiden Konzerten war zweifellos das David Shire (Zodiac, Der Dialog) gewidmete Segment. Der 80jährige Komponist, der in Gent für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich seine Musik aus Coppolas Der Dialog am Klavier zu spielen. Noch eindrucksvoller war die Suite aus Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123  – The Taking of Pelham One Two Three (1974), eine experimentelle Komposition Shires, bei der er Jazzmusik in Zwölftonreihen strukturiert hat. Als Shire den mehr als verdienten Preis entgegennahm, gab es minutenlange „standing ovations“. Bitter nur, dass so ein guter Komponist heutzutage fast keine Filmaufträge mehr bekommt. Aber dieser Umstand belegt umso mehr die kritischen Äußerungen Kraemers. Andere Preisträger des Abends glänzten leider mehrheitlich mit Abwesenheit und hinterließen lediglich Videobotschaften. Selbst der beste Komponist einer belgischen Produktion, Jeff Neve, weilte zum Zeitpunkt der Gala gerade in Australien. Die anderen Preise gingen 2017  an Jóhann Jóhannsson (Komponist des Jahres) und Rupert Gregson-Williams (Bester TV-Komponist des Jahres für The Crown).  Den Preis für den besten Song erhielt wenig überraschend das charmante „City of Stars“ aus dem Erfolgsmusical La La Land. Als Entdeckung des Jahres wurde Nicholas Britell (Battle of the Sexes) geehrt. Und da die „Entdeckung des Jahres“ im nächsten Jahr wieder eingeladen wird, darf man sich schon jetzt auf die Werke des US-Amerikaners im Konzert freuen. Aber auch so gibt es keinen Grund, der 2018er Ausgabe nicht entgegenzufiebern. Denn Gent erlaubt jedes Jahr so viele wunderbare filmmusikalische Begegnungen, dass auch im nächsten Oktober kein Weg an der reizvollen flämischen Stadt vorbeiführt.

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